Acht Jahre Zeit – und nichts getan?

Bei der Bürgerschafts-Debatte über den Doppel-Abiturjahrgang musste der Senat wieder einmal Schelte einstecken: Der Senat gehe unfair mit jungen Leuten um, weil er keine Vorsorge getroffen habe. In diesem Frühjahr verlassen bekanntlich zwei Abiturjahrgänge die Hamburger Gymnasium – die letzten, die auf herkömmlichen Wege in neun (13) Jahren Abitur gemacht haben, die ersten, die dies im vom ersten Beust-Senat eingeführten Schnelldurchgang in acht (12) Jahren schaffen mussten.

„Wir meinen, dass es sich bei dem doppelten Abiturientenjahrgang – wenn man mal von der Primarschulfrage absieht – um eins der größten, wenn nicht sogar das größte bildungspolitische Problem in Hamburg in diesem Jahr handelt. Dem korrespondiert in keinster Weise ein entsprechendes Problembewusstsein beim Senat“, eröffnete Dora Heyenn die Debatte zum Antrag der Fraktion DIE LINKE „Die Handelskammer ‚freut sich doppelt’ – Die Hamburger Jugendlichen haben es doppelt so schwer“ (Drs. 5339).

Die Ausbildungsplatz-Situation in Hamburg sieht nur auf dem ersten Blick gut aus: Auf 15.600 Absolventinnen und Absolventen von allgemeinbildenden Schulen kamen laut Ausbildungsreport bis Herbst 2009 ca. 13.500 neue Ausbildungsverträge. Das Problem ist, dass fast die Hälfte (genau 44 %) der Lehrstellen an Nicht-Hamburger ging. Es haben nur 7.500 Hamburger Jugendliche einen Ausbildungsplatz in Hamburg bekommen. Hamburg ist deshalb bundesweit führend im Berufsvorbereitungsjahr. Insgesamt sind in 2009 ca. 6.500 der 15.600 Schulabgänger (42 %) im „Übergangssystem“ geparkt worden. Dieses „Übergangssystem“ zeichnet sich laut dem Nationalen Bildungsbericht 2006 aus durch „Ausbildungs bzw. Bildungsangebote, die unterhalb einer qualifizierten Berufsausbildung liegen bzw. zu keinem anerkannten Ausbildungsabschluss führen“.

Je mehr Jugendliche das Abi machen desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass Haupt- und Realschüler im Übergangssystem landen. Die Verdrängung hat sich mit zunehmender Tendenz schon seit Jahren auf dem Ausbildungsmarkt gezeigt und wird sich dieses Jahr sprunghaft verstärken. Die Handelskammer freut sich, weil durch den doppelten Abitur-Jahrgang für Handel und Handwerk ganz klar die Chance besteht, besser Qualifizierte – Abiturienten statt Realschüler – in Ausbildungsverträge zu bringen. Die bessere Wettbewerbsfähigkeit mag für die Firmen gelten, für die jungen Leute ist es ein gnadenloser Wettbewerb um Studienplätze, um jeden Ausbildungsplatz. Für Hamburg kommt hinzu, dass 2009 mit 9,2 % den größten Rückgang an neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen von allen westdeutschen Bundesländern hatten. Und nun kommt der Doppelte Abi-Jahrgang noch hinzu. 2002 beschloss der Senat das 8-jährige Gymnasium einzuführen, Maßnahmen oder Lösungen für damit verbundene Probleme kamen nicht vom Senat.

Doppelt so viele Abiturienten, erheblich mehr Studienplätze zu schaffen wäre die erste Konsequenz gewesen. Die Wissenschaftssenatorin konzentriert all ihre Energie auf Verlagerungspläne der Universität. Die Ausstattung und Anpassung der Studiengänge und Studienplätze an die selbst geschaffenen erhöhten Bedarfe hat nicht stattgefunden. Das bedeutet schlicht, Verantwortung für Senatsbeschlüsse wurde nicht übernommen. Es hilft überhaupt nicht, wenn Ole von Beust meint: Es fällt keinem einen Zacken aus der Krone, wenn er woanders studiert“ und auch gleich noch Greifswald vorschlägt. Auf die eigene Vita reflektiert bedeutet es Wasser predigen und selbst Wein trinken.

Kritisch wird es für Schulabgänger mit einem schwachen Realschulabschluss und für die Hauptschüler. Sie sind und bleiben die Verlierer – allerdings zahlenmäßig noch viel stärker als bisher – Unter ihnen sind es wiederum die Jungen und hauptsächlich Jungen mit Migrationshintergrund.

„Wir haben es also mit einer außergewöhnlich schwierigen Situation zu tun. Außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliche Maßnahmen, aber der Senat hat die Folgen eigenen politischen Handelns aus dem Blick verloren, er hat Eltern, Jugendliche und Lehrer allein gelassen; der Senat hat nichts gemacht oder so gut wie nichts! Wenn wir es genau betrachten, wurde zusätzlich nur eines gemacht. Für die Berufsorientierung in der gymnasialen Oberstufe wurde eine DVD von der Behörde herausgegeben, die den Schülerinnen und Schülern bei Bewerbungen helfen sollten. Das ist nicht nur entschieden zu wenig, das ist gar nichts!“

„Die Ausbildungsplatzkrise kann nicht dem Markt allein überlassen werden. Und auch nicht den Eltern und den Jugendlichen. Es ist doch absurd erst die Schulzeit zu verkürzen, doppelt so viele Jugendliche aus der Schule zu entlassen und sie sich dann selbst zu überlassen. Deshalb haben wir diesen Antrag gestellt – um noch zu retten was zu retten ist. Wir bitten die Bürgerschaft um Unterstützung, damit der Senat umfassend Informationen zu dieser Thematik erstellt und sofortige Maßnahmen zur Milderung der schlimmsten Ungerechtigkeiten auf den Weg bringt“, schließt Heyenn.

SPD-Schulexperte Ties Rabe hat den CDU-geführten Senaten einen „unfairen Umgang mit den Absolventen des doppelten Abiturjahrgangs“ vorgeworfen. Der Umgang mit diesen jungen Leuten zeige, „warum Schüler und Eltern – mit Recht! – Schulreformen misstrauisch gegenüberstehen“. Schon im Jahr 2002 hätten rund 20.000 Schüler und 40.000 Eltern gewusst, dass im Sommer 2010 über 13.000 Abiturienten – 5000 mehr als üblich – die Schule verlassen. „Nur die Hamburger Schulsenatoren wussten das scheinbar nicht. Denn sie taten acht Jahre lang nichts. Und das ist der eigentliche Skandal“, sagte Rabe.

Der Senat habe die Schülerinnen und Schüler zu „Versuchskaninchen für einen Turbo-Weg zum Abitur“ gemacht, sagte Rabe. „34 Wochenstunden ab Klasse 7, dazu ein paar Stunden AGs, plus Schulweg und Hausaufgaben – volljährige Auszubildende müssen nicht mehr arbeiten als junge Leute vor dem Turbo-Abi.“

Der Senat habe über Jahre hinweg versäumt, Konsequenzen aus dem zu erwartenden Andrang auf Studien- und Ausbildungsplätze zu ziehen. „2004 gab es in Hamburg für Studienanfänger 10.928 Studienplätze, 2009 sollten es 11.247 sein – gerade einmal 319 mehr. Dabei stieg die Zahl der Abiturienten im selben Zeitraum um rund 1400 Abiturienten. Für mehr als 5000 zusätzliche Abiturienten gibt es unter dem Strich nichts“, kritisierte der SPD-Schulfachmann. Konkretester Schritt sei in dieser Sache die Empfehlung an Eltern gewesen, ihre Kinder „in Thüringen und Baden-Württemberg“ studieren zu lassen.

Das Versprechen, 1130 zusätzliche Ausbildungsplätze zu schaffen, nannte Rabe bescheiden: „Weit über 5000 zusätzliche Abiturienten, 1130 versprochene Ausbildungsplätze – man hat bei diesen Rechenkunststücken den Eindruck, dass auch einige Planer der Schulbehörde zu kurz in der Schule waren.“ Schlimmer als den Absolventen des doppelten Abiturjahrgangs käme es vermutlich für Hamburgs Haupt- und Realschüler. „Sie werden nämlich jetzt auf eine Konkurrenz bei den Ausbildungsplätzen treffen, der sie kaum gewachsen sind. Sie sind diejenigen, die jetzt in Warteschleifen oder Arbeitslosigkeit um ihre Zukunft bangen müssen. – Wer wissen will, warum Eltern und Schüler sich beim Wort „Schulreform“ ängstlich abwenden, der muss sich die Geschichte des doppelten Abi-Jahrgangs ansehen“, sagte Rabe.

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