Barmbek, 1. Mai: Live aus der Fraenkelstraße II

Am 1. Mai haben wir „Live aus der Fraenkelstraße“ berichtet. Als Kommentar erreichte uns ein weiterer Bericht. Wir wollten ihn gern in den Blog stellen, damit sich vielleicht mehr LeserInnen ein Bild davon machen können, wie es mitten in der Belagerungszone aussah. Jetzt haben wir die Erlaubnis der Schreiberin bekommen – hier ist der Bericht.

(Von Petra)

Ich schließe mich Antje an und kann sagen, dass dies kein Tag wie jeder andere in unserer kleinen Straße war. Ich wohne zwar in der Schaudinnstwiete, aber mein Wohnzimmerfenster liegt zu ebener Erde an der Fraenkelstraße.

Eigentlich wollte ich um kurz vor 12h noch schnell los, um meine Tochter von Ihren Großeltern abzuholen – es war aber schon zu spät…

Ich dachte, okay – dann warte ich etwas und fahre dann los. Aber daraus wurde bis ca. 17h nix. Ich schaute immer wieder raus, und überall waren Leute. Zum größten Teil schwarz gekleidet, einige vermummt. Einige gingen, andere rannten.

Dann versuchte ein Wasserwerfer durch die Schaudinnstwiete in die Fraenkelstraße einzubiegen. Dies klappte aber nicht ganz, und so fuhr dieses Riesenteil rückwärts die Fraenkelstraße in Richtung Ring hoch. Rückwarts… die winzige Straße hoch… undglaublich.

Ich betrachtete das Geschehen also über Stunden weiterhin am Fenster stehend und überlegte, wie ich hier mit meinem Wagen wegkommen könnte. Blickte ich rechts hoch – Wasserwerfer, und links – da brannte etwas. Ich hörte die Chöre immer abwechselnd – “Nazis raus” die einen, “Sieg heil” (das bleibt mir fast im Halse stecken…) die anderen. Trommeln waren auch zu hören.

Es fing an in meiner Wohnung nach Rauch zu riechen und mir war leicht mulmig. Dann klopfte es an meinem Fenster. Ein junger Mann stand da und bat um ein Glas Wasser. Ich gab ihm eine Flasche Wasser, er bedankte sich freundlich und ich fragte ihn, ob´s wohl ne Möglichkeit gibt hier mit dem Wagen rauszukommen. Er schaute mich leicht verdutzt an und sagte: nee, wo steht denn ihr Wagen ? Gegenüber – sagte ich und zeigte auf mein Auto, um das schrecklich viele Menschen standen. Er lief rüber und klappte meine Seitenspiegel ein. „Kann nix mehr passieren“, rief er mir dann zu und verschwand in der Menge.

Die “haben-sie-bitte-Wasser-Situation” wiederholte sich noch einmal mit einer anderen Gruppe von jungen Burschen – die alle super freundlich waren und einen “schönen” Tag wünschten.

Irgendwann rief ich beim Bürgertelefon an. Ein sehr höflicher Beamter sagte mir, dass er mir empfehlen würde in der Wohnung zu bleiben, da am Rübenkamp bereits Autos brannten und die Gewaltbereitsschaft extrem hoch sei. Also blieb ich weiter in meiner Wohnung.

Mittlerweile hatten sich fast schon Hundertschaften von Polizisten vor meinem Fenster versammelt. Einer sagte, wir müssen hier mal aus der Scheißstrasse raus. Daraufhin gingen bzw.liefen sie zum Ring hoch. Dann wurde es ruhiger.

Ich rief erneut beim Bürgertelefon an und der gleiche Beamte sagte mir, dass es traurig sei, aber ich solle noch zuhause bleiben und abwarten. Die Situation sei zwar unter Kontrolle, aber es ist noch gar nix sicher in meiner Gegend…

Ich ging dann aber trotzdem raus und setzte mich schnell ins Auto. Die Straße war fast leer. Ich fuhr die Fraenkelstraße in Richtung Neue Wöhr. Es sah aus, wie im Film. Ich mußte meinen Wagen zwischen umgekippten oder brennenden Müllkontainern durchschlängeln, überall war Rauch und es roch verbrannt – aber… ich war endlich raus… !

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