Bürger planen die Elbinseln

„Eine Stadt ist nie zu Ende gedacht, nie zu Ende gebaut und nie fertig entwickelt“, sagte Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) während seines Vortrags auf dem IBA FORUM 2012 zum Thema ZIVILGESELLSCHAFT: „Unser Bestreben ist es, dass man gern in Wilhelmsburg wohnt und arbeitet. Und dass das Viertel attraktiv weiterentwickelt wird im Interesse derer, die schon da sind und für die, die herkommen wollen – aber es vielleicht noch gar nicht wissen.“

„Stillstand hieße Rückschritt – das betrifft nicht nur Wilhelmsburg“, so Scholz.

Besonders die Zukunftsperspektiven der Elbinseln und ein Ausblick darauf, was nach der IBA Hamburg kommt im Hinblick auf Bürgerbeteiligung, interessierte die rund 350 angemeldeten Gäste des IBA FORUMS. Stadt mitgestalten, aber wie? Dieser Frage gingen Referenten und Podiumsgäste nach und diskutierten die wachsende Bedeutung von bürgerschaftlichem Engagement für die Stadtplanung. „Bei der IBA Hamburg spielte die offene und transparente gesellschaftliche Beteiligung in Planungsprozessen immer eine Hauptrolle. Eminent wichtig sind spezielle Formate, Veranstaltungen und Informationskanäle, die die IBA Hamburg genutzt oder entwickelt hat, um Widersprüche und Zusprüche, Wünsche oder Sorgen der Bürgerinnen und Bürger zu jeweiligen Projekten miteinzubeziehen. Ein Schlüssel von funktionierenden Planungs- und Bürgerbeteiligungsverfahren ist die dialogische und prozesshafte Beteiligung; das heißt, es geht nicht nur darum, den Bürger zu hören, sondern ihn aktiv in die Gestaltung einzubeziehen“, sagte IBA-Geschäftsführer Uli Hellweg.

Ein spannungsreicher Impulsvortrag der Stadtsoziologin Prof. Dr. Martina Löwvom Institut für Soziologie der Technischen Universität Darmstadt gab Ideen und Anknüpfpunkte zum Thema. Sie sagte:„Die Beteiligung von Bürgern und Bürgerinnen an Planungsprozessen sollte in demokratisch verfassten Gesellschaften eine Selbstverständlichkeit sein. Allerdings müssen die Formen weiterentwickelt werden. Nicht immer ist der runde Tisch die beste Wahl. Neue Medien und Umfragen können manchmal die Beteiligung von vielen besser gewährleisten.“ Lutz Cassel, Vorsitzender des Beirats für Stadtteilentwicklung Wilhelmsburg, sagte: „Es gehört dazu, dass heutzutage mit den Bürgern, mit engagierten Gruppen und mit Initiativen, über Ideen geredet werden muss und nicht erst über fast fertiggestellte Projekte. Und es gehört dazu, dass man sich auf einen Kompromiss einigen muss und erst das ist wirkliche inhaltliche, sachdienliche Beteiligung und Mitwirkung. Alles andere, also wenn über ein Projekt lediglich informiert wird, dann ist das nur Akzeptanzbeschaffung.“ Ein Highlight der Veranstaltung war die Buchvorstellung des mittlerweile sechsten Bandes der IBA-Schriftenreihe „METROPOLE: Zivilgesellschaft. Dabei geht es um die Frage, welchen Einfluss haben die neuen Medien auf die aktive Teilhabe und die Aneignung von Stadt? Wie lässt sich Planung demokratisch legitimieren? Vor welchen Herausforderungen stehen Planungsrecht und -verfahren angesichts zunehmend artikulierter Partizipationsbegehren? Und inwiefern kann und soll das Expertentum von Bürgerinnen und Bürgern das Wissen der Fachleute ergänzen? Praktische Beispiele geben Einblicke in die Planungs- und Beteiligungsmethoden mehrerer deutscher Städte. Letztlich geht es um die Augenhöhe, auf der sich Planer und Politiker mit Bürgerinnen und Bürgern treffen und darum, wie sich Planungsprozesse zukunftsweisend und innovativ den sich stetig ändernden gesellschaftlichen Bedingungen anpassen sollten.

Im Anschluss waren die Teilnehmenden eingeladen, an der sogenannten Fish-Bowl-Diskussion mit Experten aus Universität, Verwaltung und Stadtteil die Wichtigkeit von bürgerschaftlichem Engagement für die zukünftige stadtplanerische Entwicklung Wilhelmsburgs zu reflektieren und zu erörtern. Bei diesem speziellen Diskussionsformat gab es drei Reflexionsrunden von jeweils rund 30 Minuten. In jeder Runde kamen jeweils drei Personen sowie der Moderator, Michael Koch, zum Einsatz. Ein Platz, der „heiße Stuhl“, blieb frei, dort saßen wechselnde Personen aus dem Publikum für die Zeit ihres Statements. Die zweite Moderatorin war im Publikum unterwegs, ging auf Teilnehmer zu, befragte Einzelpersonen oder bat sie auf den „heißen Stuhl“. Feste Diskussionsteilnehmer waren neben Herrn Hellweg unter anderem Bettina Kiehn, eine der Sprecherinnen des IBA/igs Beteiligungsgremiums, Jens Hardel vom Stadteilbeirat Veddel oder der Oberbaudirektor der Freien und Hansestadt Hamburg, Prof. Jörn Walter.

120 der rund 350 angemeldeten Besucher des IBA FORUMs 2012 nahmen die Möglichkeit in Anspruch, zusätzlich an einer geführten Elbinselbustour vom IBA DOCK entlang der IBA Projekte mit Endpunkt Bürgerhaus Wilhelmsburg teilzunehmen. Die „Wilhelmsburger Edition“, am heutigen Tag erstmals zu sehen, gab der Veranstaltung im Foyer des Bürgerhauses ein künstlerisches Ambiente. Sie ist eine künstlerische Antwort auf das Thema Beteiligung und Zivilgesellschaft, entstanden als Teil der Projektreihe „Kunst macht Arbeit“, einem von der IBA Hamburg unterstützten Programm zur Zusammenführung des Themas Kreativwirtschaft mit der arbeitsmarktpolitischen Situation Wilhelmsburgs.

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