Partnerschaft ohne Konzept

Hamburg und Dar es Salaam haben 2007 eine Städtekooperation vereinbart. Diese soll nach dem Willen der schwarz-grünen Koalition in nächster Zeit in eine feste Städtepartnerschaft umgewandelt werden. Schon jetzt gibt es zahlreiche Projekte in diesem Bereich. Doch anstatt diese Aktivitäten durch ein Konzept zu unterstützen, setzt der Senat an dieser Stelle auf unkoordinierte Vielfalt, meint das Eine Welt Netzwerk.

„Hamburg muss sich endlich über das Ziel und den Zweck der Kooperation klar werden“, sagt Rebecca Lohse. So lange dies fehle, hingen die Form und der Inhalt der Aktivitäten allein von der Kompetenz und dem Willen der einzelnen Akteure ab, so die Geschäftsführerin des Eine Welt Netzwerks Hamburg e.V. (EWNW), dem Dachverband entwicklungspolitischer Initiativen in Hamburg.

Es fehlten nicht nur Leitlinien. Es bedürfe auch dringend eines Koordinators in der Senatskanzlei, der verbindlicher Ansprechpartner für Aktive hier wie in Dar es Salaam ist und der die Hamburger Öffentlichkeit mit Informationen versorgt. „Viele entwicklungspolitische Initiativen wundern sich besonders über das mangelnde Engagement und die Uninformiertheit der GAL in dieser Frage“, sagt Lohse.

„Hamburg verspielt gerade eine große Chance. Die erste Städtepartnerschaft mit einer afrikanischen Metropole bietet gute Möglichkeiten endlich neue Wege zu gehen. Statt technokratischer Entwicklungshilfe könnte die Stadt, die sich gerne so modern und weltoffen präsentiert, ein innovatives Lernprojekt aufbauen“ so Lohse. So sind beispielsweise die Gedankenwelten der Menschen beider Städte geprägt von Kolonialismus und Rassismus – auch wenn sich einige bereits kritisch damit auseinandergesetzt haben. Zudem besteht ein enormes Ungleichgewicht zwischen den beiden Metropolen, was die materiellen Ressourcen anbelangt. Es ist nicht leicht, eine Partnerschaft auf Augenhöhe aufzubauen. Dies erfordert die Bereitschaft der Aktiven – vor allem in Hamburg, aber auch in Dar es Salaam – die eigenen Annahmen, Ansätze und Vorgehensweisen zu hinterfragen. Die Stadt sollte größeren Wert auf eine kompetente Vorbereitung und interkulturelles Training der Partner legen“, sagt die Geschäftsführerin des EWNW.

Fragwürdige Ehrung von Kolonialakteuren

Bei offiziellen Feierlichkeiten verweisen Vertreter der Stadt nicht selten unkritisch auf die „traditionellen Beziehungen“ der Hansestadt zu den ländlichen Gebieten Tanzanias im 19. Jahrhundert. Kolonialismus, Ausbeutung, eine Politik der „verbrannten Erde“ und der Maji-Maji-Krieg werden mit keinem Wort erwähnt.

Anlässlich des 150. Jahrestages der Akkreditierung des Ersten Hanseatischen Honorarkonsuls der
Städte Bremen, Hamburg und Lübeck beim Sultan von Sansibar, die im Februar und Juni dieses Jahres stattfinden, werden zum Beispiel der „Afrika-Forscher“ Albrecht Roscher und der Hamburger Großkolonialkaufmann und Zweite Bürgermeister William Henry O´Swald mit zwei Veranstaltungen bedacht. Wie kritisch die Vorträge ausfallen, wird sich zeigen. Informationen jenseits deutscher Kolonialakteure sind Mangelware. Wer weiß schon etwas über Sultan Mkwawa (1855-1898), den Kämpfer gegen die deutsche Kolonialherrschaft?

„Kommunale Partnerschaften sollten auch Lerngemeinschaften sein“, so Lohse. Jugendliche wieErwachsene wüssten viel zu wenig über Hamburgs Kolonialgeschichte in Ostafrika. Und auch der offene und verdeckte Rassismus, der immer noch in den Köpfen sitze, werde viel zu wenig kritisch reflektiert, bemängelt Lohse. Im Rahmen von Schulpartnerschaften könnte zum Beispiel Unterrichtsmaterial zur Kolonialgeschichte erstellt werden.

„Wenn Hamburg eine Städtepartnerschaft plant, so sollte diese auch Leitlinien und ein Konzept beinhalten. Dies wäre der Hamburger Entwicklungspolitik insgesamt zu wünschen!“, so Lohse.

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