Die SPD-Bürgerschaftsfraktion hat Schulsenatorin Dinges-Dierig zum Start des neuen Schuljahres als „Senatorin auf Abruf“ bezeichnet und massive Kritik an der aktuellen Bildungspolitik in Hamburg geübt.
„Es gibt fast täglich neue Hiobsbotschaften aus der Schulbehörde. Hamburg schneidet beim Bildungsmonitor 2007 schlecht ab. Es gibt zu wenig Lehrer und nach wie vor zu große Klassen. Es gibt Chaos bei den Vergleichsarbeiten und bei der Schulsanierung. Das Geld aus dem Ganztagsschulprogramm der Bundesregierung verwendet die Schulsenatorin schlicht ungerecht. Diese Senatorin ist spätestens im kommenden Frühjahr nicht mehr im Amt“, prognostizierte der SPD-Bildungsexperte Wilfried Buss am Mittwoch.
Obwohl die Defizite des Hamburger Schulsystems durch zahlreiche Studien sowie durch die Enquete-Kommission hinreichend bekannt sind, habe die Senatorin keine ausreichenden Maßnahmen ergriffen, um die von ihr angekündigte Bildungswende auch einzuleiten. Auch das neue Schuljahr wird für die Hamburger Schüler wenig Verbesserung bei den Lernbedingungen bringen. Buss stellte eine Liste der acht größten Problembereiche in den Hamburger Schulen vor:
Nach wie vor zu große Grundschulklassen
Zwar werden die ersten Klassen in diesem Schuljahr kleiner sein. Aber in den anderen Grundschulklassen hat sich nichts verändert. Hier werden die Schüler nach wie vor in überfüllten Klassen sitzen. An über zehn Prozent der Hamburger Grundschulen werden in den zweiten und dritten Klassen von kommender Woche an durchschnittlich sogar 30 Schüler oder mehr unterrichtet. Die SPD-Fraktion fordert vor diesem Hintergrund mehr Teilungs- und Förderunterricht für die Schüler an der zweiten Klasse. Buss: „Es ist nicht einzusehen, dass die Kinder, die bereits in der Grundschule sind, schlechtere Chancen haben sollen, als die Kinder, die jetzt eingeschult werden.“
Bildung bleibt abhängig vom Portemonnaie der Eltern
Die Einführung der Vorschulgebühren sowie die Abschaffung der Lernmittelfreiheit setzen einkommensschwache Familien weiterhin finanziell unter Druck. „Hier zeigt der Senat am deutlichsten, wie wenig Interesse er hat, gleiche Bildungschancen in den Hamburger Schulen herzustellen“, sagte Buss.
Überforderte Schüler durch Schulzeitverkürzung
Die Schulzeitverkürzung an den Gymnasien hat zu vielen Problemen geführt. Nach der Einführung des Abiturs mit 12 Jahren beklagen immer mehr Eltern, dass ihre Kinder unter der gesteigerten Arbeitsbelastung leiden, zuwenig Freizeit haben, weniger Zeit innerhalb ihrer Familie verbringen können und unter Stresssymptomen leiden. Buss: „Wir brauchen eine Entrümpelung der Rahmenlehrpläne. Wenn der Arbeitsdruck in den Schulen dazu führt, dass es für Schülerinnen und Schüler kaum noch Gelegenheit zu Freizeitaktivitäten gibt – etwa in Sportvereinen – ist das nicht hinnehmbar.“
Ganztagsgrundschulen unter Druck
Den Ganztagsgrundschulen in sozialen Brennpunkten kürzt Dinges-Dierig die Mittel für das Ganztagsangebot um 60 Prozent. Anstatt die Schulen mit einem hohen Migrationsahnteil zu unterstützen, legt die Schulsenatorin diesen Schulen Steine in den Weg. Buss: „Wir fordern, die Sparrunden ab dem Schuljahr 2007/2008 auszusetzen.
Tiefstand bei Anzahl der Lehrerinnen und Lehrer
Die Anzahl der Lehrerinnen und Lehrer hat einen Tiefstand erreicht, obwohl die Anforderungen der Schulen zunehmen. Die Schulbehörde musste letztes Jahr eingestehen, dass 454 Stellen nicht besetzt sind – bei steigenden Schülerzahlen. Gab es im Jahr 2001 noch 14.083 besetzte Lehrerstellen, so wird der Lehrerstellenbedarf für 2007 nur mit 13.395 Stellen angegeben, obwohl die Schülerzahlen weiter wachsen und die Aufgaben an den Schulen durch die Selbstverantwortete Schule mehr werden
Selbstverantwortete Schule – falsch angepackt
Die Schulbehörde hat die Einführung der Selbstverantworteten Schule falsch angepackt. Den Schulen hat die Behörde wesentlich mehr Verwaltungsaufgaben übertragen – aber keine zusätzlichen Mittel. Es besteht die Gefahr, dass die Schulen überfordert sind und im Stich gelassen werden – mit der Folge, dass sie sich mehr um Verwaltungsaufgaben kümmern müssen und weniger um die Qualität des Unterrichts.
Schwimmunterricht – deprimierende Auswirkungen
Vor allem Kinder in sozial schwachen Stadtteilen lernen in der Schule größtenteils nicht schwimmen – das ist das deprimierende Ergebnis des neuen, reduzierten Schulschwimmkonzeptes. Seit Beginn dieses Schuljahres werden die Drittklässler nicht mehr von ihren Schwimmlehrern an den Schulen, sondern von Angestellten der Bäderland-AG unterrichtet. Und das nicht mehr ein ganzes Jahr lang, wie früher, sondern nur noch ein halbes Jahr. Doch das selbst gesetzte Ziel, dass fast alle Kinder (95%) die „Seepferdchen-Prüfung bestehen, ist an einigen Schulen weit verfehlt worden.
Arbeitsbelastung in den Schulsekretariaten wird immer größer
Die Arbeitsbelastung in den Schulsekretariaten nimmt rapide zu. Die Betroffenen beklagen eine zunehmende Arbeitsverdichtung – unter anderem durch die Einführung des Büchergeldes -, Mängel bei der elektronischen Datenverarbeitung und Probleme im Zusammenhang mit dem Zentralen Schülerregister.