Podium zum NSU-Prozessbeginn

Den Beginn des NSU-Prozesses am 17. April in München nimmt die Landeszentrale für politische Bildung Hamburg zum Anlass für eine öffentliche Diskussion zum Thema „Minderheiten und „Fremderbe“ des Nationalsozialismus: Neue Ängste auf dem Hintergrund der NSU-Morde?“

Für Mittwoch, 17. April 2013, von 18.00 Uhr – 20.30 Uhr, lädt die Landeszentale für politische Bildung zu einer Veranstaltung in den Leo-Lippmann-Saal, im Gebäude der Finanzbehörde, Gänsemarkt 36, ein.

Thema: „Minderheiten und Fremderbe. Erinnerung – „Gefühlserbschaften“ – Vermächtnis“

Aysen Tasköprü, Schwester des 2001 von der NSU ermordeten Hamburgers Süleyman Tasköpru, schreibt im Februar 2013 in einem offenen Brief an Bundespräsident Joachim Gauck: „Ich habe auch keine Heimat mehr, denn Heimat bedeutet Sicherheit. Seitdem wir wissen, dass mein Bruder ermordet wurde, nur weil er Türke war, haben wir Angst. Was ist das für eine Heimat, in der du erschossen wirst, weil deine Wurzeln woanders waren?“

Im Vorfeld des Prozesses gegen die Angeklagten des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) überstürzen sich die Ereignisse. So sorgen z. B. die Verwicklungen verdeckter Ermittler in den rechtsextremistischen Untergrund für erhebliche Kritik. Vor allem im Ausland werden oft Vergleiche zur NS-Zeit gezogen. Besonders Deutsche mit türkischen Wurzeln leiden in diesen Wochen und Monaten verstärkt unter Verunsicherung und Ängsten.

Die öffentliche Veranstaltung der Landeszentrale steht im Kontext zu einer vorausgegangen dreiteiligen Seminarreihe zum Thema “Im langen Schatten des Holocaust; Erinnerung – „Gefühlserbschaften“ – Vermächtnis“, in der eine intensive Auseinandersetzung mit den Erinnerungen von Überlebenden des Holocaust und des Vernichtungskrieges in Polen stattfand. Bereits ab 1933 hatten die Nationalsozialisten auch einen gezielten „Krieg gegen die Erinnerung“ (Primo Levi) geführt, der auch im Nachkrieg oft Schuld und Sühne verhindert hat. Vielmehr konnte in der neu geschaffenen „Leidensgemeinschaft“ von „Flucht und Vertreibung“ die Masse der NS-Täter nahezu unbehelligt untertauchen. „Die Unfähigkeit zu trauern“ (A. und M. Mitscherlich) hat auch die Nachfolgegenerationen der Täter geprägt. So sind z. B. viele Kinder und Enkel der Täter nicht nur mit Verleugnungen des Holocaust aufgewachsen, sondern auch mit emotionalen Defiziten, die unter anderem eine unbedingte Empathie gegenüber dem Anderen in der Gesellschaft grundsätzlich erschwert hat.

Heute haben in Hamburg mittlerweile fast 50 Prozent der unter 25-Jährigen einen Migrationshintergund. In dieser Veranstaltung wird u. a. der Frage nachgegangen: Wie gehen diese Hamburger und Hamburgerinnen mit den „Gefühlserbschaften“ der NS-Zeit um? Unterstützen diese „Erbschaften“ bis heute ein Klima, in dem sich rechtsextreme Gewalt wie die des NSU ausbreiten konnte?
Diese und andere Fragen sollen im Mittelpunkt der Veranstaltung stehen.

Teilnehmende der Podiumsdiskussion

• Ghied Alhashmy, Politik- und Erziehungswissenschaftlerin, Berlin sowie Dozentin der Politikwissenschaft an der Technischen Universität Berlin (2007-2012) . Seit vielen Jahren Fortbilderin für Lehrkräfte, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter im Themenbereich „Islam und Integration“ sowie Kursleiterin für arabischsprachige und für muslimische deutschsprachige Eltern. Vorsitzende des Vereins „Gemeinsam für ein freies Syrien“ e.V.

• Dr. Zekeriya Altuğ, promovierter Physiker, Vorsitzender des DITIB-Landesverbandes Nord (Türkisch-islamische Union der Anstalt für Religion e.V. – Diyanet İşleri Türk İslam Birliği), Mitunterzeichner des ersten Staatsvertrages mit Muslimen in Deutschland, 2012 für Hamburg.

• Andreas Speit: Journalistischer Beobachter der NSU- Szene sowie der Tätigkeit des Untersuchungsausschüsse zum NSU, Autor zahlreicher Bücher über Rechtsextremismus und Neonazis.

• Leiterin der Veranstaltungsreihe und Moderatorin: Dr. Brigitta Huhnke

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