Pisa: Weitere Reaktionen

Nach der Veröffentlichung der Ergebnisse der neuesten Pisa-Studie (Erhebungsjahr: 2006) gibt es viele Reaktionen. Kein Wunder – Hamburg landete wieder auf dem vorletzten Platz, nur Bremen schnitt noch schlechter ab. Wir dokumentieren.

Elternkammer: PISA-E unterstreicht dringende Notwendigkeit von Reformen in Hamburg

Die Ergebnisse der innerdeutschen Ergänzungsstudie PISA-E zum internationalen PISA-Test sind für Hamburg erneut katastrophal ausgefallen. Getestet wurden 2006 die 15-jährigen Schülerinnen und Schüler in den Bereichen Mathematik, Lesekompetenz und mit besonderem Schwerpunkt Naturwissenschaften. Im bundesdeutschen Vergleich landet Hamburg in allen drei Bereichen auf dem 15. Platz. Lediglich Bremen schneidet noch schlechter ab. Der Leistungsunterschied zum besten Bundesland Sachsen beträgt zwei komplette Schuljahre.

Allerdings ist hier zu beachten, dass die Vergleichbarkeit mit einem Flächenstaat wie Sachsen nur eingeschränkt gegeben ist, da es erhebliche Unterschiede in Sozialstruktur und Migrationsanteil gibt.

Aufgrund der ähnlichen Sozialstrukturen ist gerade der Vergleich mit Berlin und Bremen interessant. Insbesondere Berlin hat z.T. deutlich besser abgeschnitten, v.a. in den Naturwissenschaften (und liegt hier signifikant über dem OECD-Durchschnitt). Es gilt zu prüfen, worin die Unterschiede zu Hamburg liegen, um ggf. daraus Schlüsse für die hiesige Situation zu ziehen.

Bei der Suche nach den Ursachen der erneut schlechten Ergebnisse ist zu berücksichtigen, dass hier der Jahrgang 1996/97 getestet wurde. Diese Schülerinnen und Schüler wechselten 2000/2001 von der Grundschule auf die weiterführenden Schulen, d.h. die Veränderungen im Bereich der Grundschulen, ausgelöst durch den PISA-Schock 2000, haben diesen Jahrgang nicht mehr erreichen können. (Anhand der Ergebnisse der IGLU- und TIMSS-Studien lies sich bereits die gute Arbeit der Hamburger Grundschulen ablesen, die zu den besten in Deutschland zählen. Hier haben sich bereits die Auswirkungen gezeigt).

Die Elternkammer betrachtet mit großer Sorge die deutlichen Unterschiede im Kompetenzerwerb zwischen Jungen und Mädchen. Der Anteil der Mädchen, die in den Naturwissenschaften überdurchschnittlich kompetent sind, ist in Hamburg vergleichsweise gering, nur Bayern weißt schlechtere Werte auf. „Offensichtlich gelingt es nicht den Unterricht geschlechtergerecht zu gestalten“, so Kammer-Vorsitzender Vogeler. Hier gilt es schnellstmöglich Ursachenforschung zu betreiben und geeignete Massnahmen einzuleiten.

Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergund schneiden in Hamburg deutlich schlechter ab als andere, wobei die Streuung der Leistungen extrem ist und insbesondere das untere Leistungszehntel sehr schlecht abschneidet. Nur in Berlin ist die Differenz noch größer, Bremen schneidet etwas besser ab. „Es bleibt also unsere zentrale Aufgabe, den Anteil der Risikoschüler zu reduzieren“, erklärt Vogeler.

Insgesamt bleibt die Schulbehörde aufgefordert die notwendigen strukturellen und inhaltlichen Änderungen im Hamburger Schulwesen mit Nachdruck voranzubringen.

Übrigens: Die von der Hamburger Schuldelegation mit Senatorin Goetsch zu bereisenden Länder Polen, Niederlande und Schweiz schneiden jeweils besser als mindestens 12 der 16 Bundesländer ab. Vor diesem Hintergrund werden die Erfahrungsberichte der Delegation besonders zu werten sein.

Die Elternkammer vertritt die Interessen der Eltern von rd. 180.000 Schülerinnen und Schülern Hamburgs und berät Bildungsbehörde und Senatorin in allen Fragen der schulischen Bildungspolitik.

GEW: Politik muss SchülerInnen aus der Risikozone holen

Die aktuellen Ergebnisse der PISA E Studie kommentiert der Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft/ GEW Hamburg, Klaus Bullan:

„Der schlechte vorletzte Platz für Hamburg im bundesweiten Vergleich verweist erneut auf den sehr engen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Lernerfolgen von SchülerInnen. Rund jeder vierte Jugendliche gehört zu der Gruppe der so genannten ‚Risikoschüler‘: Mehr als 25 Prozent haben so
geringe schulische Kompetenzen, dass ein selbst bestimmtes Leben in Beruf und Ausbildung außerordentlich gefährdet ist. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Hamburg hat als Stadtstaat und Großraum-Ballungsgebiet eine besonders ausgeprägte Struktur sozialer Gegensätze; der Unterschied zwischen wohl situierten und armen Familien ist extrem hoch.

Wenn es gelingt, deutlich mehr SchülerInnen als bisher aus der Risikozone zu holen, wird sich das auf die kommenden Lernerfolge niederschlagen. Die schlechte Platzierung wird Hamburg nicht verlieren, wenn nicht ab sofort intensiv an den Schwachstellen gearbeitet wird. Das bedeutet auch
Investitionen in eine Gemeinschaftsschule, die die soziale Selektion aufhebt, in kleinere Klassen, in mehr Zeit der Lehrkräfte für den Unterricht und die intensive, individuelle pädagogische Betreuung.

Dass auch in relativ kurzer Zeit gute Erfolge erzielt werden können, zeigt der Blick in andere Bundesländer und über die deutschen Grenzen hinaus.“

LINKE zu PISA: Wieder ein schlechtes Ergebnis

Am 18. November wurde der deutsche Ergänzungstest zu PISA veröffentlicht. Er vergleicht die Schulleistungen in den 16 Bundesländern. Deutschlandweit besteht eine erhebliche soziale Schieflage, Hamburg landet in allen drei Bereichen, Lesekompetenz, Mathematik und Naturwissenschaften, auf dem vorletzten Platz.

„Erschreckend ist, dass es nach wie vor in Deutschland einen augenfälligen Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und der Chance von Jugendlichen, ein Gymnasium zu besuchen, gibt“, so Dora Heyenn, bildungspolitische Sprecherin der Bürgerschaftsfraktion DIE LINKE.

Angesichts der Zahlen, dass Jugendliche aus der Akademiker- und Oberschicht zu 47 bis 63 Prozent Chancen haben das Abitur zu machen und Fünfzehnjährige aus Familien von ungelernten und angelernten Arbeitern nur zwischen acht 8 und 20 Prozent, fragt man sich, wann die Politik endlich Konsequenzen ziehen will. Hinzu kommt noch die Feststellung, dass Deutschland laut der Studie das OECD-Land ist, in dem Schüler mit Migrationshintergrund am stärksten benachteiligt werden.

„Das gilt für Hamburg im besonderen Maße. Jedes zweite Kind in der Hansestadt hat ein Elternteil, der nicht in Deutschland geboren wurde. Auch hier besteht Handlungsbedarf. Die Probleme werden mit der Einführung des 2-Säulen-Modells nicht gelöst, sie werden eher verstärkt. Darauf lässt der erbitterte Kampf der Gymnasiumsbefürworter gegen die Schulsenatorin schließen“, führte Dora Heyenn aus.

Anstatt sich jahrelang mit fragwürdigen Strukturfragen zu beschäftigen, müssen die Lern- und Lehrbedingungen an den Hamburger Schulen endlich verbessert werden. In den Klassen sind zu viele Schüler, die Lehrer haben zu hohe Wochenarbeitsstunden und die Ausstattung ist nicht ausreichend.

„Der Senat muss sich von seinem Fetisch der ‚ressourcen-neutralen‘ Bildungspolitik verabschieden und mehr Geld in die Schulen stecken. Bildungsausgaben sind Investitionen in die Zukunft und die sind wir der nachwachsenden Generation schuldig,“ forderte Dora Heyenn abschließend.

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