Im Rahmen des Arbeitskreises „Park Postkolonial“ haben Hamburger Kunstschaffende, Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit sowie die GAL aus Harburg und Hamburg Vorschläge für einen Ortes der Auseinandersetzung mit der Hamburger Kolonialgeschichte erarbeitet. Realisiert werden soll das Projekt auf der Harburger Schlossinsel. Die Ergebnisse des Arbeitskreises wurden heute an den Harburger Bezirksamtsleiter Torsten Meinberg und den Baudezernenten Jörg Penner übergeben.
Die Planung: Im erhaltenen Flügel des ehemaligen Harburger Schlosses sollen spätestens 2013 in zwei Räumen Kunst, Ausstellungen, Workshops, Veranstaltungen und ein kleines Archiv untergebracht werden. Ausgehend von den Rohstoffen Kautschuk und Palmöl, die speziell in Harburg verarbeitet wurden, werden die Themen Kolonialgeschichte, postkoloniale Gegenwart und Globalisierung vermittelt. Außerdem soll ein historischer Rundgang im Harburger Binnenhafen eingerichtet werden.
Manuel Sarrazin, GAL-Bürgerschaftsabgeordneter aus Harburg: „Hamburg muss sich endlich der postkolonialen Debatte stellen. Als ehemalige Kolonialhauptstadt Deutschlands können wir uns selber nicht ohne unsere eigene globalisierte Geschichte verstehen. Gerade Harburg ist noch heute geprägt von der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts, von der Verarbeitung kolonialer Rohstoffe. Den Menschen aus Harburg und Hamburg kann der Park so neue Ansichten ihrer eigenen Stadt bringen. Mit dem Park Postkolonial und einer vorgesehenen Aussichtsplattform soll Harburg einen neuen kulturellen Magneten gewinnen.“
Die bildende Künstlerin Jokinen aus Hamburg: „Harburg war eines der Zentren der massenhaften Verarbeitung von Kolonialwaren, und mit seinen Kasernen war Harburg direkt eingebunden in die Vorbereitung und Durchsetzung der imperialen Interessen. Das städtebauliche Konzept „Sprung über die Elbe“ sieht eine besondere kulturelle Nutzung für die Harburger Schlossinsel vor. Diese bietet sich als geeigneter Ort für einen Park Postkolonial an, von wo aus die zahlreichen kolonialen Spuren im gesamten Stadtbild erforscht und vermittelt werden können.“
Heiko Möhle vom Eine Welt Netzwerk Hamburg e.V.: „In anderen Ländern Europas hat man erkannt, wie stark die koloniale Vergangenheit unsere Gesellschaften bis heute prägt. In Deutschland sollte Hamburg als ehemalige Kolonialmetropole Deutschlands eine Vorreiterrolle einnehmen und einen Erinnerungsort schaffen, der als Mahnung gegen Rassismus und jede Form von Ausbeutung und Unterdrückung steht. Als Lernort kann ein Park Postkolonial zur Diskussion anregen, wie wir zukünftig gerechtere Beziehungen in einer globalisierten Welt gestalten können“.
Was ist der Park Postkolonial?
Mit dem Park Postkolonial kann in Hamburg ein zentraler Ort für die Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit Hamburgs und gleichzeitig den Themen Globalisierung, internationale Zusammenarbeit und Welthandel heute geschaffen werden. Der Park soll zu einem anregenden und beteiligungsorientierten kulturellen Magneten und einem attraktiven öffentlichen Raum werden.
Hamburg braucht ein solches Projekt, um seine Vergangenheit, Gegenwart und Identität zu verstehen und seine Verbindungen in alle Welt neu zu entdecken und zu reflektieren. Denn: Hamburg, der Hafen und das Umland hätten sich ohne den Kolonialhandel insbesondere im 18. und 19. Jahrhundert nicht so entwickelt, wie wir sie heute vorfinden. Das Hafengebiet, ganze Stadtviertel und Elbinselbereiche, die Speicherstadt, die Kontorhäuser oder – besonders prägnant – der Harburger Binnenhafen um die Schlossinsel (damals noch zu Hannover bzw. Preußen gehörig) wurden passend für den Vertrieb und die Verarbeitung von Kolonialwaren gebaut und eingerichtet. Hamburg handelte in großem Stil mit Kolonialwaren, war zeitweise am Sklavenhandel beteiligt und stellte seine Schiffe für koloniale „Expeditionen“, Eroberungszüge und Truppentransporte zur Verfügung. Gleichzeitig betrieb Hamburg Kolonialpolitik: Hamburgische Geschäftsleute und Politiker waren wesentlich an der Ausrufung deutscher „Schutzgebiete“ beteiligt, die Hamburger Universität wurde zunächst als Kolonialinstitut gegründet.
Wie funktioniert der Park Postkolonial?
Der Park will alte vergessene Hamburger Kolonialdenkmäler wieder ans Licht der Öffentlichkeit holen. Diese Denkmäler sind Symbole und Sinnbilder unserer „weißen“ Kultur in der Begegnung mit dem „Fremden“ und “Anderen“, und sie sagen weitaus mehr über uns Europäer aus als über die „fremden“ Kulturen. Im Park Postkolonial sollen diese Monumente als ein Beitrag zur kritischen Auseinandersetzung aufgestellt werden und mit künstlerischen Annäherungen immer wieder neu wahrgenommen werden.
Der Park Postkolonial kann vergessene Geschichte im Binnenhafen wieder sichtbar machen. In einem Wahrnehmungsrundgang sollen historisch vergessene Orte in Harburg wiederentdeckt werden. Ein System von Zeichen in der gesamten Umgebung kann das Ausmaß des Gesamtraums der Industrieproduktion von Kolonialwaren deutlich machen.
Der Park Postkolonial soll Harburg zudem mit einem jederzeit öffentlich zugänglichen Aussichtspunkt auf dem Dach des Schlosses um eine Attraktion bereichern. Gleichzeitig werden hier mit Tafeln und wechselnden Präsentationen die Bezüge zwischen dem Binnenhafen und überseeischen Ländern deutlich gemacht.
Der Park Postkolonial ist verknüpft mit einer Internetpräsenz. Die Website informiert über das Anliegen des Parks und aktuelle Kontexte, macht topographische Ansichten und historische Dokumente zugänglich, bietet ein Forum für Debatten, stellt Unterrichtsmaterial zur Verfügung und fördert internationale Vernetzung. Ein Vorbild hierfür ist die Internetpräsenz von www.afrika-hamburg.de der Künstlerin Jokinen.
Warum auf der Harburger Schlossinsel?
Die Schlossinsel und der Harburger Binnenhafen sind in ihrer heutigen Gestalt einzigartig. Hier lassen sich die Veränderungen durch die Industrialisierung – eng verknüpft mit dem kolonialen Handel – darstellen und erklären. In diesem unverwechselbaren Teil des Stadtraums wird dies für viele erfahrbar und begehbar. Hamburg soll hier das Vorbild für eine zeitgenössische Auseinandersetzung mit dem Thema Kolonialismus schaffen. Ein Vorbild in einem Thema, das derzeit international stetig an Bedeutung gewinnt.
Zudem ist die weltweit verflochtene Geschichte Harburgs als bedeutender europäischer Industriestandort des 19. und 20. Jahrhunderts weitgehend in Vergessenheit geraten. Der Park Postkolonial soll den Harburgerinnen und Harburgern auch eine lokalhistorische Auseinandersetzung hierüber bieten.
Wie soll es nun weitergehen?
Hamburg braucht jetzt einen öffentlichen Prozess, der Bevölkerung, Kunstschaffende, Historikerinnen und Historiker, Architektinnen und Architekten, Museumsmacherinnen und Museumsmacher, die Politik und viele andere einlädt, die Ideen für den Park Postkolonial weiter zu entwickeln. Spätestens zur Internationalen Bauausstellung 2013 auf der Schlossinsel in Hamburg-Harburg soll dieser Prozess zu einem sichtbaren Ergebnis gebracht worden sein.