„Die fortwährende Kritik deprimiert.“ Albrecht Müller, Wahlkampfchef von Willy Brandt und Macher der auch in Hamburg viel gelesenen „NachDenkSeiten“, offenbart, wie viel Kraft das Gegenangehen und Widersprechen im ideologischen Mainstream kostet. Seine Frage: „Macht es Sinn, immer wieder auf Fehler hinzuweisen?“
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„Wie gehen wir mit dieser bedrückenden Lage um? Macht es Sinn, immer wieder und in neuen Variationen auf Fehler hinzuweisen und zu kritisieren?
Ich gebe zu, dass ich manchmal unsicher werde. Was sollen zum Beispiel meine erwachsenen Kinder, wie alle andern 20-45 Jährigen, mit unseren kritischen Analysen anfangen? Schließlich haben sie genug damit zu tun, sich in ihrem Beruf und ihrer Ausbildung durchzukämpfen.
Die fortwährende Kritik deprimiert, zumal die Lösung, sich politisch zu organisieren, bei weitem nicht so aussichtsreich erscheint, wie in jener Zeit, als meine Generation ihre kritischen Analysen anstellte und sich Gedanken darüber machte, was und wie man in Politik und Gesellschaft etwas ändern könnte. In den 1960ern und 1970ern schien das politische Engagement noch erfolgversprechend. Es gab viele im Freundeskreis, die mitzogen. Und man hatte das Gefühl, etwas ändern zu können. Im kommunalen Bereich sowieso, aber auch auf den nächsten Stufen, im Land und im Bund.
Auch bei Älteren, Freunden aus meiner Generation, merke ich, dass sie die andauernde Kritik oft satt haben und abschalten wollen. So arrangieren sich zum Beispiel viele mit der Perspektive, einen SPD-Kanzlerkandidaten Steinbrück zu bekommen und meinen, dass damit vielleicht wieder eine Alternative eröffnet wird. Ich muss das respektieren, auch wenn ich persönlich diesen Fehlgriff auch künftig anprangern werde.
Andere wollen sich nicht immerzu vom allgemein verbreiteten Denken und Glauben ausgeschlossen fühlen und am Rande stehen. In Gesprächsrunden mit Freunden nur immer den warnenden Zeigefinger zu heben ist schwierig. Damit stört man soziale Beziehungen – man wird zum Nörgler abgestempelt. Dass dies viele nicht wollen oder nicht aushalten, kann ich gut verstehen. Schließlich weisen wir ja selbst immer wieder darauf hin, dass die totale Manipulation möglich ist. Wenn das aber so ist, dann muss man auch akzeptieren, dass sich manche mit den allgemein verbreiteten Deutungen arrangieren.
Bei allem Verständnis für solche persönlichen Reaktionen, wir werden trotzdem weiter Kritik üben und über Alternativen nachdenken. Andernfalls müssten wir das Projekt NachDenkSeiten an den Nagel hängen.“
Aus Albrecht Müllers Wochenrückblick auf den NachDenkSeiten vom 11.11. 2011: „Wo bleibt das Positive? Wo das Konstruktive?“
Siehe auch: www.nachdenkseiten.de