Ich kämpfe für den Stillstand

Seit Hamburgs Eltern sich mehr und mehr für integrative Schulformen begeistern, sieht die CDU offenbar ihre Felle davon schwimmen. Eine Kampagne soll helfen – und bringt der Union Häme und Spott von GAL und SPD ein. Statt „Ich kämpfe für meine Schule“ müsste die Aktion „Ich kämpfe für den Stillstand“ heißen, meint zum Beipiel Christa Goetsch.

Die Vorsitzende der GAL-Bürgerschaftsfraktion Christa Goetsch hat der CDU vorgeworfen, das wenig leistungsfähige deutsche Schulsystem mit platten Argumenten zu verteidigen. „’Ich kämpfe für den Stillstand’ müsste die CDU-Kampagne heißen und nicht ‚Ich kämpfe für meine Schule’“, sagt Goetsch. „Mit dem primitiven Schlagwort von der Abschaffung der Gymnasien will die CDU eine moderne Weiterentwicklung der Schulen blockieren. Aber die Leute lassen sich nicht so einfach für dumm verkaufen.“ Es gehe um die Entwicklung aller Schulen, weg vom der Auslese, hin zur individuellen Förderung. „Wer die Gymnasien von diesem Prozess ausschließt, der will die PISA-Ergebnisse einfach nicht wahrnehmen“, sagt Goetsch. Das von der CDU bevorzugte Modell sieht eine neue Stadtteilschule vor, nimmt jedoch die Gymnasien von der Schulentwicklung aus.

Die GAL verfolgt ebenso wie die von ihr unterstützte Initiative „Schule für alle“ das Ziel, die Sortierung der Zehnjährigen in verschiedene Schulformen aufzuheben und stattdessen alle Kinder individuell zu fördern, nach ihren Bedürfnissen und ihren Möglichkeiten. „Wir müssen uns endlich vom Lernen im Gleichschritt verabschieden“, sagt Goetsch. Im jetzigen Schulsystem würden die Starken ebenso wie die Schwachen nicht genug gefördert.

Auch die SPD kritisiert die CDU-Kampagne, spricht sich aber – jedenfalls in ihrer parteitagsbestätigten offiziellen Vorstandslinie – nicht für die schnelle Einführung einer „Schule für all“ aus.

Ingo Egloff, Landesvorsitzender der Hamburger SPD, und Wilfried Buss, schulpolitischer Sprecher der SPD-Bürgerschaftsfraktion, haben der CDU die „systematische Verunsicherung der Hamburger Gymnasial-Eltern“ vorgeworfen. Mit Hinweis auf die heute von der CDU vorgestellte Kampagne „Ich kämpfe für meine Schule!“ betonen beide, anders als von der CDU behauptet, werde die SPD die Hamburger Gymnasien nicht abschaffen.

Egloff: „Anstatt diese Kampagne der Panikmache zu betreiben, sollte sich die CDU um die eigentlichen Probleme der Hamburger Schulpolitik kümmern.“ Sowohl Egloff als auch Buss gehen davon aus, dass die Kampagne der CDU nur von der miserablen Leistungsbilanz der Schulsenatorin Dinges-Dierig ablenken solle:

* Nach wie vor machen 12 Prozent der Schüler eines Jahrgangs keinen Abschluss und haben damit überhaupt keine Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

* Die soziale Schieflage ist erschreckend. In vielen Hamburger Stadtteilen wie z.B. Billstedt, St. Pauli und Veddel bekommen über 30 Prozent der Schüler keinen Hauptschulabschluss.

* Die soziale Spaltung in der Hamburger Schul wird noch dadurch verstärkt, dass der CDU-Senat die Vorschulgebühren und das Büchergeld eingeführt hat. Dadurch wird Bildung wieder eine Frage des Geldbeutels.

* Den bereits bestehenden Ganztagsschulen – viele davon in sozialen Brennpunkten – werden 60% ihrer Mittel für den Ganztagsbetrieb gestrichen.

* Noch nie waren Grundschulklassen so groß, wie unter dem CDU-Senat.

* Seit 2001 wurden 500 Lehrerstellen gestrichen.

Egloff weiter: „Trotz aller Versuche der CDU, die Menschen für Wahlkampfzwecke in Panik versetzen zu wollen: Mit der Hamburger SPD wird es keine Zerschlagung der Gymnasien geben.“

Es sei zwar richtig, dass die SPD perspektivisch eine Schule für alle nach dem erfolgreichen skandinavischen Modell anstrebe. „Das bedeutet aber nicht, dass wir gegen den Willen der Eltern ein Gymnasium schließen oder umwandeln“, unterstrich der SPD-Landeschef.

Er wies auf den Beschluss des SPD-Landesparteitages vom Dezember des letzten Jahres hin. Dort heißt es: „Allerdings müssen die Eltern überzeugt und mitgenommen werden, wenn man die bildungspolitischen Grabenkämpfe früherer Jahre vermeiden will.“

Die SPD respektiere den Elternwillen, unterstütze vor diesem Hintergrund aber dennoch die (vor allem von Eltern getragene) laufende Volksinitiative nicht.

Egloff betonte gleichzeitig, die Gymnasien hätten die Möglichkeit, sich zu Stadtteilschulen zu entwickeln. Egloff: „Dies geht aber nur gemeinsam mit den Eltern. Sobald dieses Vorhaben mehrheitlich von den Eltern abgelehnt wird, kann das Vorhaben nur scheitern. Ich gehe davon aus, dass es ein Nebeneinander von Stadtteilschulen und Gymnasien geben wird. Die Frage, für wie lange, liegt dabei in den Händen der Eltern.“

Buss macht deutlich, dass sich die Gymnasien den schwierigen Anforderungen der heutigen Zeit aber auch besser stellen müssten. Die Enquete-Kommission habe einstimmig beschlossen, das Sitzenbleiben sowie die Anzahl der Schulformwechsler deutlich zu reduzieren.

Buss: „Das bedeutet für die Gymnasien, dass sie bei einem Leistungstief eines Schülers, diesen eben nicht gleich abschulen, sondern durch individuelle Förderung unterstützen müssen.“

Gymnasien müssten sich besser auf heterogene Lerngruppen und die Förderung aller Kinder einstellen, fordert Buss. Dadurch dass mehr als 50 Prozent der Eltern ihre Kinder an den Gymnasien anmelden, seien die Gymnasien eben auch gefordert, mit unterschiedlichen Leistungsständen der Kinder umzugehen.

Buss: „Die Gymnasien sind schon jetzt die Schule für die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler verantwortlich.“

Nach Auffassung von Buss gebe es viele Gründe für eine Schule eine Stadtteilschule zu werden:

* das Abitur in 13 Jahren zu erreichen, ist für viele Schüler besser geeignet als in 12 Jahren,

* ein Auslandsaufenthalt ist durch die längere Schulzeit leichter zu organisieren,

* Stadtteilschulen werden besser ausgestattet und sind besser mit dem Stadtteil vernetzt.

Die SPD fordert eine Weiterentwicklung der Gymnasien:

1. Da ein Teil der Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums nach dem Mittleren Abschluss oder dem Abitur in die duale oder vollzeitschulische berufliche Ausbildung wechselt, sollen die Gymnasien ihre Angebote der Berufsvorbereitung ausbauen.

2. Zur Vergabe des Mittleren Abschlusses beteiligen sich auch die Gymnasien an zentralen Abschlussprüfungen zu dem Zeitpunkt, an dem ihre Schülerinnen und Schüler ein vergleichbares Unterrichtspensum wie an den Stadtteilschulen absolviert haben.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.