hamburg.de – eine Kommerzseite darf feiern

Als der CDU-Senat 2007 das stadteigene Internetportal hamburg.de mehrheitlich an Axel Springer verkaufte, hagelte es Proteste. Seitdem hat die Kommerzialisierung der privatisierten Website immer mehr zugenommen – oft findet man vor lauter Werbung kaum die Nachrichten. An der Misere ändern auch Marketingbemühungen und wohlklingende Titel nichts.

ver.di-Chef Wolfgang Rose hatte gleich nach dem Verkauf gerügt, unter fünf Kaufinteressenten erhalte ausgerechnet der Verlag den Zuschlag, der in Hamburg über eine besonders starke Medienmacht verfügt: „BILD, das Hamburger Abendblatt, die WELT, Radio Hamburg, Hamburg 1 und nun das Internetportal der Stadt – überall mischt Springer mit und macht Meinung. … Hamburg.de ist kein rein kommerzielles Unternehmen. Das Portal dient der Information der Stadt und soll auch die Bürgerbeteiligung fördern. Von diesem Demokratieanspruch ist jetzt nichts mehr zu hören, der neue Eigentümer will vor allem Kasse machen.“

Rose attestierte dem Hause Springer eine besondere Zuwendung zur Politik des CDU-Senats: „Es drängt sich der Eindruck auf, dass der vielfach gedruckte Bürgermeister hier kurz vor der Bürgerschaftswahl einen wichtigen Verbündeten bedient hat. Der Verkauf städtischer Unternehmen gehört offenbar weiterhin zu den Lieblingsbeschäftigungen der CDU-Alleinherrscher.“

hamburg.de verliere endgültig Charakter als Stadtportal für autonome Bürgeröffentlichkeit, so der
Hamburger Politikwissenschaftler Prof. Hans J. Kleinsteuber. Er riet dem Bundeskartellamt vergeblich, „einen kritischen Blick“ auf die Übernahme zu werfen. „In den 90er Jahren versuchte sich die Springer AG selbst an so etwas wie einem Stadtportal, allerdings mit geringem Erfolg. Nun erwirbt das Unternehmen, das bereits im Zeitungsmarkt klarer Marktbeherrscher ist und auch an zwei führenden Radiostationen und dem einzigen Ballungsraum- TV- Sender beteiligt ist, die Mehrheit bei hamburg.de. Damit sind endgültig alle Chancen vertan, mit dem Stadtportal ein Stück autonomer Bürgeröffentlichkeit zu schaffen.“

Die hamburg.de GmbH & Co. KG bietet nach eigenen Angaben „auf www.hamburg.de umfassende Services für Hamburger, Besucher, Touristen und Unternehmen. Mobil sind die Angebote als iPhone App, als Android App sowie für die Betriebssysteme Blackberry, Phone 7 und für Symbian-Endgeräte verfügbar. Kennzeichnend für hamburg.de ist die Verzahnung von öffentlichen E-Government-Diensten mit privatwirtschaftlichen Angeboten. Das Unternehmen erbringt Beratungsleistungen für andere Stadtportale sowie für Kommunen. Mehrheitsgesellschafter von hamburg.de ist Axel Springer, weitere Beteiligte sind die Freie und Hansestadt Hamburg, HSH Nordbank, Hamburger Sparkasse und Sparkasse Harburg-Buxtehude. Geschäftsführer der hamburg.de GmbH & Co. KG ist Axel Konjack.“

Mit 3,6 Millionen Besuchern und 44,1 Millionen Seitenabrufen (IVW 05/2011) sei hamburg.de das reichweitenstärkste Stadtportal Deutschlands. Auf Facebook steuere das Portal mit mehr als 555.000 Freunden eine der führenden Social-Media-Communities Deutschlands. Die iPhone App von hamburg.de verzeichne derzeit mehr als 160.000 Downloads.

War noch was? Ach ja: Das Marktforschungsunternehmen MetrixLab hat hamburg.de jetzt als „Website des Jahres 2011“ ausgezeichnet, lustigerweise in der Kategorie „Öffentlicher Dienst“. Wenn das kein Grund zum Feiern ist – vor allem für den Mehrheitsgesellschafter…

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