Gymnasialstress: Jetzt sollen Eltern schuld sein

Die SPD-Bildungspolitikerin Britta Ernst hat scharfe Kritik an Aussagen von Schulsenatorin Alexandra Dinges-Dierig zur Arbeitsbelastung in Hamburgs Gymnasien geübt. „Die Schulsenatorin blamiert sich. Sie hat den Gymnasien das Abitur nach zwölf Jahren völlig überhastet aufgedrückt. Jetzt betont sie auffallend oft die Verantwortung der Eltern. Wenn sie jetzt versucht, ausgerechnet den Eltern die Schuld für die Belastung ihrer Kinder in die Schuhe zu schieben, ist das eine blanke Unverschämtheit“, sagte Ernst.

Es sei grotesk, die Eltern noch mehr zu fordern: „Viele Eltern helfen schon in der Schule, etwa in der Kantine. Eltern helfen auch bei den Hausaufgaben. Aber viele Eltern, die nicht die höchsten Bildungsabschlüsse gemacht haben, sind gar nicht in der Lage, ihren Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen“, betonte Ernst. Mit ihrer Aussage zeige die Schulsenatorin in gewohnter Weise, dass sie „vom Alltag in Schulen und in den Familien mit Schulkindern keine Ahnung hat und die sozialen Unterschiede auch in der Hamburger Elternschaft nicht kennt“. Erst kürzlich hatte Dinges-Dierig bei einer Veranstaltung des türkischen Elternbundes für Kopfschütteln gesorgt, als sie mehr Engagement der Eltern bei der Hausaufgabenbetreuung gefordert hat.

Weiter hatte Dinges-Dierig angedeutet, die Eltern trügen Verantwortung für die Arbeitsbelastung ihrer Kinder – „Manche Eltern sind für einen verdichteten Schultag, damit ihre Kinder früh nach Hause kommen.“ (O-Ton Dinges-Dierig). Ernst schlug demgegenüber vier Punkte zur Entschärfung der Lage nach der Einführung des Abiturs nach zwölf Jahren vor:

Als wesentliche Maßnahme müsse die Stundentafel entrümpelt werden. „Wir sollten Schluss damit machen, die verschiedenen Naturwissenschaften in den Klassen 5 und 6 jeweils einzeln zu unterrichten. Es sollte stattdessen ein Schulfach „Naturwissenschaften“ geben, in dem anhand einzelner Themen – beispielsweise der Klimadiskussion – alle Naturwissenschaften behandelt werden“, sagte Ernst. Darüber hinaus müsse die Initiative einzelner Bundesländer unterstützt werden, die Stundentafel bundesweit zu reduzieren.

Ernst kritisierte weiter, der gesamte Unterricht der Klasse 11 sei in die Sekundarstufe I – also die Klassen 5 bis 10 – verlagert worden. „Stattdessen können Anteile auch in die Oberstufe verlagert werden, wie es jetzt Schleswig-Holstein plant“, sagte die SPD-Schulexpertin.

Sie sprach sich ferner für besser strukturierte Ganztagsschulen aus. „Ganztagsschule heißt nicht, den Unterricht zu verlängern und mehr Hausaufgaben aufzugeben“, sagte Ernst. Die Hausaufgabenbetreuung am Nachmittag müsse eine Entlastung der Eltern sicherstellen. „Ich habe Verständnis für Eltern, die die Zeit mit ihren Kindern anders verbringen wollen, als über Schulbücher gebeugt“, sagte die SPD-Abgeordnete. Wichtig sei auch, dass Schulkinder auch außerhalb der Schule noch Freizeit haben müssten – etwa für Musik oder Sport.

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