Freiwilliges Soziales Jahr: 1.500 Plätze fehlen

Die SPD-Bürgerschaftsfraktion hat Vorschläge für eine verbesserte Nutzung des freiwilligen Engagements Jugendlicher in Hamburg vorgestellt. So spricht sich die SPD etwa für die Einrichtung einer internetbasierten zentralen Hamburger Platzbörse aus, die es jungen Leuten erleichtern soll, einen Platz in einem „Freiwilligen Sozialen Jahr“ (FSJ) oder in einem „Freiwilligen Ökologischen Jahr“ (FÖJ) in Hamburg zu finden.

„In Hamburg gibt es wesentlich mehr Bereitschaft zu einem FSJ oder FÖJ, als Plätze zur Verfügung stehen. Der Senat hat jetzt eingeräumt, dass im Jahrgang 2005/2006 mindestens 1.500 Bewerbungen nicht berücksichtigt werden konnten. Hier muss sich dringend etwas tun“, sagte die SPD-Sozialpolitikerin Petra Brinkmann bei der Vorstellung eines entsprechenden Bürgerschaftsantrags.

Eine bessere Information über die Programme und eine bessere Koordinierung der Platzvergabe könnten dazu beitragen, die große Bereitschaft zum Engagement im Sinne der Gesellschaft wirkungsvoller zu nutzen. Hamburg brauche ferner ergänzende Landesmittel, damit jeder geeignete Bewerber für ein FSJ oder FÖJ einen Platz für sein Engagement bekommt, forderte der Fachsprecher für Sozialpolitik in der SPD-Bürgerschaftsfraktion, Dirk Kienscherf.

„Wenn Politik und Gesellschaft junge Leute ständig zum freiwilligen Engagement auffordern, müssen wir auch alles dafür tun, dass junge Leute sich engagieren können“, sagte Kienscherf weiter. FSJ und FÖJ böten jungen Menschen nach der Schulzeit die Möglichkeit, sich für die Gesellschaft zu engagieren und dabei soziale und berufliche Kompetenz und Orientierung zu gewinnen.

Es sei „absolut inakzeptabel, dass 2005/2006 mindestens 1.500 junge Leuten, die Zeit und Energie in den Dienst der Gesellschaft stellen wollten, in Hamburg zurückgewiesen wurden“, so Kienscherf.

Der Senat hatte bisher von einem rechnerischen Bewerberüberhang beim FSJ von 3.855 gesprochen (und 229 beim FÖJ). Zum Aspekt Mehrfachbewerbungen – etwa auf verschiedene FSJ-Plätze oder parallel auf einen Ausbildungs- oder Studienplatz – waren Senat und Sozialbehörde bisher nicht auskunftsfähig. Am Freitag schätzte die BSF die Quote der Mehrfachbewerber erstmals auf rund 60 Prozent. – Selbst dann blieben mindestens 1.500 unberücksichtigte FSJ-Bewerbungen.

Kienscherf und Brinkmann sprachen sich für die Einrichtung einer zentralen Hamburger Platzbörse für Jugendfreiwilligendienste aus. Die derzeit angebotenen Informationen – etwa im Internetangebot der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt – böten nur die rechtlichen Informationen und Hinweise zu einzelnen Institutionen, Organisationen und Vereinen. Nötig seien Internetforen, über die sich die Jugendlichen umfassend informieren, austauschen und bewerben können. Die Platzbörse solle – wie etwa beim Online-Verkauf von Theater- oder Kinokarten – einen Überblick über die freien Plätze bieten. Ferner solle sichergestellt sein, dass Interessierte ihre Bewerbung online einleiten können.

Kritik übte die SPD an der Entwicklung des Missverhältnisses zwischen Bewerbungen und freien Plätzen: Der Senat hatte in Beantwortung einer Großen Anfrage der SPD-Bürgerschaftsfraktion (Drs. 18/5515, S. 15) dargestellt, dass in Hamburg sowohl die Anzahl der Bewerber als auch der Plätze für das FSJ stark gestiegen ist (2001/2002: 1515 Bewerbungen auf 320 Plätze; 2005/2006: 4697 Bewerbungen auf 842 Plätze).

Das Verhältnis zwischen Bewerber- und Platzzahl hat sich beim FSJ im selben Zeitraum verschlechtert. Gab es im erstgenannten Zeitraum rechnerisch rund 4,7 Bewerbungen auf einen freien Platz, waren es 2005/2006 bereits rechnerisch 5,6 Bewerbungen.

Die absolute Zahl der FSJ-Plätze ist zwar von 320 im Jahr 2001 auf 842 im Jahr 2005/2006 gestiegen – der Bund hat seine Förderung ausgebaut, und die Träger haben ihre Programme ausgeweitet. „Das ist nicht das Verdienst des Beust-Senats oder der Sozialsenatorin – hier ist man leider untätig geblieben, und die Sozialsenatorin hat die Diskussion verweigert“, bedauerte Brinkmann. Das gelte auch mit Blick auf die unterschiedlichen Möglichkeiten der Landesförderung, wie mittlerweile sieben andere Bundesländer sie praktizieren.

„Auf einen besetzten FSJ-Platz kommen in Hamburg mindestens zwei abgelehnte Bewerber – das ist ein Armutszeugnis für die Hamburger Politik“, sagte Kienscherf. Die Tatsache, dass der Senat die Zahl der Mehrfachbewerbungen nur schätzen könne, sei ein weiterer Grund für eine Platzbörse. Sie würde hier Transparenz über die genaue Zahl der Interessenten schaffen. Bewerber und Träger würden profitieren.

Die SPD-Abgeordneten forderten den Senat gleichzeitig auf, dem Beispiel der erwähnten sieben anderen Bundesländern zu folgen und ergänzend zu den – gestiegenen – Bundesmitteln auch Landesmittel zur Verfügung zu stellen: „Wenn man so viele junge Menschen zurückweisen muss, dann besteht akuter Handlungsbedarf.“

Sie verwiesen in diesem Zusammenhang auf aktuelle Beschlüsse des Bundeskabinetts zur Zukunft der Freiwilligendienste. Das Kabinett hatte am 18. Juli 2007 beschlossen, mit dem ab Herbst 2007 startenden mehrjährigen Programm „Freiwilligendienste machen kompetent“ den Fokus auf den Kompetenzerwerb benachteiligter Jugendlicher zu legen, um deren Chancen für den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt zu erhöhen. Zudem sollen laut Kabinettsbeschluss die Einsatzbereiche im FSJ ausgebaut werden. Neben dem sozialen Bereich sowie Sport, Kultur und Denkmalpflege sollen zukünftig auch auf anderen Feldern Plätze angeboten werden. Dazu gehören die Mehrgenerationenhäuser und die Kinderbetreuung, Schulen, Selbsthilfegruppen oder der Bereich Migration.

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