Bundesregierung und Wirtschaftsverbände feiern heute erneut den „Nationalen Ausbildungspakt“. Tatsächlich aber hat jeder vierte ausbildungsinteressierte Jugendliche in Hamburg keinen Ausbildungsplatz gefunden.
Der Deutsche Gewerkschaftsbund Nord erwartet von den Unternehmen die nötige Qualität und Quantität, um allen jungen Menschen einen guten Ausbildungsplatz und eine sichere Berufsperspektive zu bieten. „Die rosarote Unternehmerbrille verschafft keinen Durchblick. Statt einer Bestenauslese müssen die Firmen jedem Schulabgänger ein individuelles Angebot machen und alle Talente nutzen. Nur so kann dem Fachkräftemangel begegnet werden. Es ist 5 vor 12“, so Uwe Polkaehn, Vorsitzender des DDB Nord.
Der DGB Bundesvorstand hat heute eine Analyse zur Aussagekraft der Ausbildungsstatistik anhand der Pakt-Bilanz 2012 veröffentlicht. Daraus geht hervor, dass auch in Hamburg bei weitem nicht jeder Jugendliche der eine Ausbildung sucht, auch einen Ausbildungsplatz findet. Viele junge Menschen bleiben unversorgt, werden aber aus den offiziellen Statistiken herausgerechnet.
Soll ein realistisches Bild auf die tatsächliche Lage auf dem Ausbildungsmarkt geworfen werden, müsse die Zahl der ausbildungsinteressierten Jugendlichen herangezogen werden, so die DGB-Analyse. Diese lag in Hamburg 2012 bei 18.774. 75,4 Prozent von ihnen trat tatsächlich eine Ausbildung an. Das bedeutet, jeder vierte Jugendliche in Hamburg aus dieser Statistik hat keinen Ausbildungsplatz gefunden, obwohl er von der Agentur für Arbeit als ausbildungsreif eingestuft worden ist. Im Vergleich steht Hamburg damit sogar noch gut da. Im Bundesdurchschnitt sind es 824.626 ausbildungsinteressierte Jugendliche und damit eine Quote von 66,9 Prozent.
Hamburgs DGB-Vorsitzender Uwe Grund: „Wer den Ausbildungsmarkt in Hamburg nur rosarot zeichnet, verkennt die Realität. Dienstwagen und Geldprämien für Azubis mögen die eine Seite der Medaille sein. Die andere Seite bilden diejenigen, die einfach hinten herunter fallen. Alle Verantwortlichen sind dringend dazu aufgerufen, endlich ein realistisches Bild der Situation auf dem Ausbildungsmarkt zu zeichnen. Wer das tut, wird schnell feststellen: Dieser Markt ist in Hamburg gespalten. Leistungsstarke Jugendliche werden hofiert, die anderen in Maßnahmen abgeschoben und herausinterpretiert. Die Zeit in der Unternehmen über die Bestenauslese alle Wünsche bei der Rekrutierung ihrer Nachwuchskräfte locker realisieren konnten, sind vorbei. Schulabgängerinnen und Schulabgänger sind noch in der Persönlichkeitsentwicklung. Hier zu investieren lohnt. Jedem jungen Menschen sollte eine Perspektive geboten werden. Mit Schönrechnerei ist niemandem geholfen.“
Gar nicht tauchen in der Statistik diejenigen auf, die ihre Ausbildung nicht über die Agentur für Arbeit suchen, sondern es zum Beispiel auf eigene Faust probieren. Uwe Grund: „In Hamburg hoffen wir, dass es durch die neu gegründete Jugendberufsagentur leichter wird, möglichst viele Jugendliche zu erreichen.“