Ein Sitzplatz auf der Mülltonne

Wachsender Reichtum, Millionen für Manager, Preise an der Decke: Jetzt wollen auch die Arbeitnehmer ihren gerechten Anteil. Die Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst des Bundes und der Kommunen haben begonnen. „Wer faire Löhne blockiert, wird bald auf vollen Mülltonnen sitzen“, warnt verdi-Landeschef Wolfgang Rose.

„Wir erwarten einen lohnpolitischen Frühlingsbeginn“, sagt der Hamburger ver.di-Landeschef: „Die Arbeitnehmer in allen Branchen, politische Kräfte bis zur Bundesarbeitsministerin und auch die klugen Ökonomen sind auf unserer Seite. Die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes haben über viele Jahre Extraopfer gebracht. Jetzt ist es höchste Zeit für ordentliche Lohnsteigerungen auch für sie. Wer faire Löhne blockiert, wird bald auf vollen Mülltonnen sitzen. Die Kampf-bereitschaft der Kollegen in allen betroffenen Bereichen ist hoch.“

Die Bundestarifkommission der Gewerkschaft hat ihre Forderungen unter das Motto „Wir sind es wert“ gestellt.

• ver.di fordert für die rund zwei Millionen Beschäftigten eine Entgelterhöhung von 6,5 Prozent. Für untere Ein-kommen soll die Steigerung mindestens 200 Euro betra-gen.

• Außerdem fordert die Gewerkschaft die unbefristete Übernahme der Auszubildenden sowie eine spürbare Anhebung der Ausbildungsvergütungen um 100 Euro.

„Wer die Wirtschaft dauerhaft in Schwung bringen will, muss die Nachfrage stärken. Die Euro-Krise hat ihre Ursache nicht nur im Spekulantentum auf den Finanzmärkten, sondern auch in den skan-dalös niedrigen Löhnen in Deutschland. Gegen Rezession und Inflation muss Kaufkraft geschaffen werden – und die entsteht nur durch gerechte Beteiligung der Arbeitnehmer an der gestiegenen Produktivität“, so Rose. Die Arbeitsproduktivität, also die Leis-tungsfähigkeit der Beschäftigten, stieg in Deutschland im letzten Jahrzehnt im Schnitt um 1,5 Prozent pro Jahr. Die Inflation kletterte 2011 um 2,3 Prozent. Daraus ergibt sich ein verteilungsneutraler Spielraum von fast vier Prozent. Eine starke deutsche Binnenkon-junktur helfe auch den südeuropäischen Nachbarn, wieder auf die Beine zu kommen, so Rose. Nötig sei es dazu auch, die Einnahme-seite der öffentlichen Haushalte zu stärken.

Der öffentliche Sektor müsse auch in Hamburg seine Vorbildfunktion wahrnehmen, sagte der ver.di-Landesbezirksleiter: „Die Beschäftig-ten im öffentlichen Dienst mussten im vergangenen Jahr einen Reallohnverlust von 0,6 Prozent hinnehmen. Gute Arbeit hat aber überall ihren Preis – das werden wir auch in Arbeitskämpfen klar machen, wenn es nicht anders vorangeht. Die Steuerpolitik muss so ausgestaltet werden, dass die öffentlichen Aufgaben fair entlohnt werden können. Auch im reichen Hamburg ist der finanzielle Spiel-raum dazu da.“

Dirk Iwers, Personalratsmitglied Stadtreinigung Hamburg: „Bei uns gibt es eine hohe Kampfbereitschaft. Man muss doch von seiner Arbeit den Lebensunterhalt vernünftig bestreiten können. Ein Stra-ßenfeger bekommt 1700 Euro brutto – da müssen manche gleich zum Sozialamt weitergehen und sich um einen Mietzuschuss bemü-hen. Deshalb muss zu der Prozentforderung auch der Mindestbetrag durchgesetzt werden: 200 Euro mehr müssen es mindestens sein. Immer wieder hören wir vom Wirtschaftshoch in Deutschland – nun sind wir auch mal dran. Arbeit muss sich wieder lohnen.“

Ulrich Burghardt-Wöckner, Betriebsratsvorsitzender Vereinigung Hamburger Kindertagesstätten: „Der Beruf ist anstrengender ge-worden. Es wird engagierte pädagogische Arbeit geleistet, trotz eines engen Personalschlüssels in Einrichtungen, die ganzjährig geöffnet sind. Die KollegInnen sehen ihre Leistung nicht genug gewürdigt – auch mit Blick auf die hohe Wertschätzung, die Lehrer erfahren. Eine Erzieherin steigt mit knapp 2200 Euro brutto in den Beruf ein, und nach vielen Arbeitsjahren kommt sie am Ende auf 2777 Euro. Kinder-pflegerinnen fangen mit 2087 Euro brutto an. Es gibt eine hohe Bereit-schaft bei den Beschäftigten, in den Tarifverhandlungen jetzt für den nötigen Druck zu sorgen.“

Helmut Stemm, Betriebsrat Schauspielhaus: „Viele Beschäftigten haben Probleme, wenn sie eine Familie gründen und ein Haus bauen wollen: Sie bekommen von der Bank keinen Kredit, weil sie immer wieder nur befristet beschäftigt werden und keinen Dauerarbeitsver-trag vorweisen können. Es müssen endlich sichere Beschäftigungs-verhältnisse her. Ein Bühnentechniker bekommt etwa 2200 bis 2400 Euro brutto – dafür muss er aber bis auf Weihnachten jeden Tag arbeiten, auch an Sonntagen, Feiertagen, morgens und abends. 1500 Arbeitnehmer gibt es in den drei Staatstheatern – wir vom Schauspielhaus waren in der Vergangenheit bei allen Arbeitskämpfen vorne dabei. Ich bin zuversichtlich, dass in den kommenden Wochen wieder vielen Kolleginnen und Kollegen klar wird, wie wichtig es ist, in der Gewerkschaft zu sein.“

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