DGB tagt zu Digitalisierung in Hamburg

Der PC braucht keine Pause, der Mensch schon: Was wird aus dem Arbeitnehmer im Zeitalter von Smartphone, Roboter und rasantem Datentransfer? Auf der Tagung „Arbeit 4.0 – Wie verändert Digitalisierung die Arbeit im Norden“ wirft der DGB Nord heute einen Blick in die Arbeitswelt der Zukunft.

Die Bezirksleitungen der DGB-Mitgliedsgewerkschaften im Norden, Betriebs- und Personalräte diskutieren mit Experten die Erfahrungen und Herausforderungen, die eine zunehmende Digitalisierung der Arbeitswelt mit sich bringt. „Auch die digitale Arbeit muss gut ein. In dem sich vollziehenden Wandel der Arbeitswelt sind Beteiligung und Mitbestimmung unentbehrlich. Wir brauchen Mitbestimmung durch Betriebs- und Personalräte bei der Einführung neuer Technologien, bei der Vergabe von Aufträgen an Soloselbständige und bei Datenschutz und -sicherheit. Die Betriebs- und Personalräte spielen eine ganz entscheidende Rolle, wenn es darum geht, gute Arbeit im Betrieb und in der Verwaltung umzusetzen“, sagte Uwe Polkaehn, Vorsitzender des DGB Nord. Die Keynote „Arbeiten in der digitalen Welt: Trends, Perspektiven und Chancen“ hielt Prof. Dr. Hartmut Hirsch-Kreinsen von der TU Dortmund.

Das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung berechnete, dass ungefähr 15 Prozent der Beschäftigten in Deutschland einem hohen Gefährdungspotenzial durch die neuen Technologien ausgesetzt seien. Eine Studie von Wissenschaftlern der Universität Oxford aus dem Jahr 2013 war sogar zu dem Ergebnis gekommen, dass 47 Prozent aller Arbeitsplätze in den USA in den nächsten ein bis zwei Jahrzehnten bedroht seien. Prof. Dr. Hartmut Hirsch-Kreinsen widerspricht der These, dass künftig ganze Industrien nicht mehr gebraucht würden: „Die Furcht vor einer menschenleeren Fabrik ist weit übertrieben. Allerdings werden sich die Tätigkeiten und Qualifikationen deutlich verändern. Dabei sind verschiedene Szenarien der Entwicklung von Qualifikationen denkbar.“

Ein Szenario wird demnach als „Upgrading“ oder auch Aufwertung von Qualifikationen bezeichnet. „Polarisierung“ von Qualifikationen sei aber auch möglich: Demnach wird sich eine Schere zwischen komplexen Tätigkeiten mit hohen Qualifikationsanforderungen einerseits und einfachen Tätigkeiten mit niedrigem Qualifikationsniveau andererseits öffnen. Durch den Einsatz digitaler Technologien komme es zunehmend zur Automatisierung und Dequalifizierung der Jobs mittlerer Qualifikationsgruppen. Es gebe sicher eine Reihe von Unternehmensstandorten, wo Vernetzung und fortgeschrittene Steuerungsprozesse bereits realisiert seien, so der Industriesoziologe: „Aber wenn man in die Breite fragt, stellt man fest: Dieser Prozess der Digitalisierung ist am Anfang.“ Es gebe noch keinen eindeutigen Entwicklungstrend der Arbeit: „Vielmehr existieren stets große Spielräume für die Arbeitsgestaltung. Wie diese genutzt werden und welche Arbeitsformen sich durchsetzen, ist einerseits abhängig von den strategischen Entscheidungen des Managements und der Betriebsräte der Unternehmen. Andererseits sind aber auch die Wissenschaft, vor allem aber die Sozialpartner und die Politik gefragt.“

Digitalisierung verändere die Arbeitswelt in den norddeutschen Unternehmen – und zwar in einem ungeheuren Tempo, sagte Uwe Polkaehn. Die Veränderungen seien in vielen Bereichen heute schon spürbar, in anderen erst zu erahnen. Digitalisierung schaffe in vielen Fällen eine Verdichtung und auch Entgrenzung von Arbeit: „Durch eine ständige Erreichbarkeit, ermöglicht durch Smartphones und Co, wird Arbeit aber auch immer stärker entgrenzt. Arbeitsprozesse können parallel ablaufen und erzeugen so das Gefühl einer ständigen Unzulänglichkeit und eines permanenten Drucks. Umso wichtiger sind Auszeiten.“ Gute digitale Arbeit brauche Regeln für neue Arbeitsformen, Zeitsouveränität, Datenschutz – und vor allem Mitsprache der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer: „Wir brauchen wir nicht weniger, sondern mehr Mitbestimmung.“ Den Arbeitgebern falle meist nichts anderes ein, als nach mehr Flexibilisierung zu rufen: „Aber nur wenn wir entsprechende Regeln haben, kann die Digitalisierung in die richtige Richtung verlaufen, kann sie Beschäftigung sichern und Gute Arbeit schaffen und letztlich auch erfolgreich sein, erfolgreich im Sinne einer gerechten und lebenswerten Gesellschaft und nicht im Sinne des Gewinnes Einzelner.“

Nach zwei Dialogforen findet am Nachmittag eine abschließende Diskussionsrunde mit Berthold Bose, Landesbezirksleiter ver.di Hamburg, Anja Bensinger-Stolze, Vorsitzende GEW Hamburg, Stephanie Schmoliner, Tarifsekretärin IG Metall Küste, Ralf Becker, Landesbezirksleiter IG BCE Nord, sowie Uwe Polkaehn statt.

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