Im Hafen braucht man keine Heuschrecken

Die Bürgerschaft muss bis zm 31. März über die Zukunft des Hafens entscheiden: Lehnt Hamburg den Kauf weiterer Anteile an der größten deutschen Reederei ab, könnten bei Hapag Lloyd Heuschrecken einsteigen, die Transportströme in andere Häfen umleiten.

Hamburgs Hafenwirtschaft droht großer Schaden, wenn die ausgehandelte Übernahme der Reederei Hapag Lloyd scheitert. Laut Vertrag muss bis spätestens 31. März 2012 ein Beschluss der Bürgerschaft gefasst werden – sonst könnte die TUI vom jetzt ausgehandelten Vertragswerk zurücktreten und Hamburg-feindlichen Investoren den Zugriff auf das Unternehmen ermöglichen. Die Gewerkschaften, Hafenarbeiter und Arbeitnehmer bei Hapag Lloyd fordern daher die Bürgerschaft auf, dem Vorschlag des Bürgermeisters zuzustimmen.

„An dem Ja der Bürgerschaft hängen Zehntausende von Arbeitsplätzen im Hafen und auf See. Ohne Risiko ist nichts, aber das Risiko des Nichtstuns mit einer Beteiligung von Heuschrecken an der größten deutschen Reederei wäre viel, viel größer“, sagte ver.di-Landeschef Wolfgang Rose: „Das Unternehmen gehört zur Substanz der maritimen Wirt-schaft. Gerade erst hat der Hamburger Hafen sich seinen Platz als zweitgrößter Containerhafen Europas zurücker-obert. Der Wohlstand Hamburgs steht auf dem Spiel, wenn Hapag Lloyd durch Finanzinvestoren oder Wettbewerber von innen heraus attackiert werden kann. Wer die Über-nahme jetzt blockiert, der blockiert die Zukunft des Hafens und der maritimen Wirtschaft in Deutschland.“

Die Reederei gehört bisher zu 38,4 Prozent dem Reisekonzern TUI und zu 61,6 Prozent dem Konsortium Albert Ballin, an dem auch die städtische Hamburger Gesellschaft für Vermögens- und Beteiligungsmanagement mbH (HGV) beteiligt ist. Die Stadt würde nach dem Zukauf weiterer Unternehmensanteile ihren Besitz an Hapag Lloyd von 23,6 auf 36,9 Prozent aufstocken.

Um Hapag Lloyd aus dem Griff der TUI zu befreien, ist ein Ge-samtinvestment in Höhe von 600 Millionen Euro nötig. Es verteilt sich innerhalb des Konsortiums Albert Ballin wie folgt
 die städtische HGV mit 420 Millionen Euro,
 die Kühne Maritime mit 160 Millionen Euro
 die HanseMerkur mit 13 Millionen Euro
 die Signal Iduna mit 7 Millionen Euro.

Hapag-Lloyd sei angesichts der Perspektiven des Welthandels ein Unternehmen mit viel Potenzial, sagt Dietmar Stretz, Ar-beitnehmervertreter im Aufsichtsrat von Hapag Lloyd:
„Wer aus guten Gründen im Jahr 2008 A gesagt hat, muss jetzt auch aus den gleichen guten Gründen B sagen.“ Die Übernahme weiterer Hapag-Lloyd-Anteile sei die Folge der Fristsetzungen und der Andienungsrechte der TUI in dem von der CDU und GAL ausgehandelten Vertrag von 2008: „Hapag Lloyd ist die solideste und am besten aufgestellte Reederei der Welt. Die Leistung der Arbeitnehmer und das Restruktu-rierungsprogramm haben dazu geführt, dass das Jahr 2010 mit einem Gewinn vor Steuern von 444 Millionen Euro als das erfolgreichste Jahr überhaupt in die Unternehmensge-schichte eingeht. Auch die Ergebnisse in allen vier Quarta-len 2011 sowie externe Bewertungen sind eindeutig positiv.“

Wettbewerbsrechtlich spreche aus seiner Sicht nichts gegen den Ankauf, zumal das Hamburger Engagement nicht von Dauer sei, so Stretz: „Das unternehmerische Risiko hält sich in Grenzen und ist angesichts der standortpolitischen und regionalwirtschaftlichen Bedeutung der Transaktion vertret-bar. Die Finanzierungskosten sollten ab 2013 durch die Di-videnden auszugleichen sein. Die Wachstumsperspektive im Welthandel ist gut, der Markt wächst jährlich um 6 Prozent, al-lein die 40prozentige Steigerung der Bunkerpreise (Treibstoff) bremst die Dynamik. Neue Schiffe, die weiteren Preisdruck er-zeugen könnten, werden nicht gebaut. Maersk hat bereits zwei-mal die Raten erhöht: Weitere Ratenerhöhungen sind notwendig und auch durchsetzbar.“

Zahlreiche Restrukturierungen hätten das Unternehmen immer leistungsfähiger gemacht, sagte Hapag Lloyd Betriebsratsvor-sitzender Reiner Alexander. Die Reederei sei nicht nur Ar-beitsplatz für rund 7.200 Beschäftigte in 130 Ländern, davon 2.500 in Deutschland, mit 1.300 Seeleuten und 120 Auszu-bildenden: „Im Hafen arbeiten wir Hand in Hand mit der ge-samten maritimen Wirtschaft. Die Grand Alliance von Hapag-Lloyd mit Unternehmen aus Hongkong und Japan hat über 40 Prozent des Containerumschlags im Hamburger Hafen. Bei einem Weggang von Hapag-Lloyd wären somit rund 45.000 Arbeitsplätze in großer Gefahr.“ Er erinnerte an die erfolgreiche Kampagne „Hapag Lloyd gehört zu Hamburg“ von 2008: „Schon damals haben wir als Betriebsräte in unserem sogenannten Positionspapier unsere Forderungen formuliert, die nichts von ihrer Gültigkeit verloren haben. Hamburg hat gemeinsam verhindert, dass die Neptune Orient Lines (NOL) aus Singapur das Unternehmen übernehmen konnte. Da-mals haben CDU und GAL ihre Hapag-Lloyd-Drucksache in nur drei Wochen durch das Parlament gepaukt. Das war auch ein klares Zeichen gegen Deregulierung und Dumpingkonkurrenz. Genau das brauchen wir auch heute.“

Die Interessensvertretungen in den Betrieben und im Aufsichtsrat der Hapag-Lloyd AG fordern vom Vorstand, dem Aufsichtsrat sowie den Gesellschaftern der Hapag-Lloyd AG u.a.:
 Sicherung der unternehmerischen Eigenständigkeit der Ha-pag-Lloyd
 Sicherung des Unternehmenssitzes Hamburg für die größte deutsche Reederei
 nachhaltige Zukunftssicherung von Hapag-Lloyd z.B. durch strategische Weiterentwicklung und Realisierung sich erge-bender Marktchancen und Erschließung neuer zukunftsträchtiger und branchennaher Geschäftsfelder
 anhaltende Entwicklung der Arbeits-und Ausbildungsplätze
 ausbauen der wertschätzenden Unternehmenskultur, um eine dauerhafte Wertschöpfung sicher zu stellen
 Mitwirkung von Beschäftigten und Auszubildenden an Unternehmensentscheidungen und Teilhabe am Erfolg
 Qualifizierung und Potenzialentwicklung der Beschäftigten und Auszubildenden gewährleisten, damit sie ihre Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kreativität zum nachhaltigen Erfolg der Hapag-Lloyd einbringen können.

Die Behauptung, nicht die Reeder, sondern die Auftraggeber würden entscheiden, ob die Schiffe nach Hamburg fah-ren oder nicht, sei falsch, so Wolfgang Rose, richtig sei, dass die Kunden zu 90 Prozent den Abfahrts- und Zielort festle-gen („door to door“), und die Reedereien dann die Häfen buchen. NOL aus Singapur würde vermutlich Güter woanders umschlagen – neun von zehn Schiffen müssten nicht zwingend über den Hamburger Hafen geführt werden. Auch die Beteiligung Hapag Lloyds am Containerterminal Altenwerder habe eine Win-Win-Situation geschaffen, die nicht aufgegeben werden dürfe.
„Zweifellos kann niemand den weiteren Gang der Weltwirt-schaft und des Welthandels vorhersagen. Aber wer jetzt wegtaucht, der taucht nicht wieder auf“, so der ver.di-Landeschef:

„Hapag Lloyd ist ein systemrelevantes Unternehmen des Welthandels mit einer Schlüsselfunktion für den Hamburger Hafen – das muss auch neoliberalen Gralshütern gesagt werden, denn sonst müsste der Staat ja auch anderswo da-rauf verzichten, Ordnung und Gemeinwohl herzustellen. Deshalb kann jeder Senat, der verantwortlich handelt, jetzt nur den Schritt der weiteren Kapitalbeteiligung gehen. Der Finanzsenator hat klargestellt, dass die HGV nicht die Absicht hat, dauerhaft mit einer Quote von fast 37 Prozent und einer Kapitalbindung von über 1,1 Milliarden Euro an Hapag Lloyd beteiligt zu sein. Wenn die Gesellschafterstruktur mit Blick auf die Standortsicherung stabil ist, wird also auch wieder Geld in die Kasse kommen. Hamburg wird nicht Reeder, denn Hapag Lloyd ist schließlich kein öffentliches Unternehmen, das wegen der Daseinsvorsorge auf Dauer im Besitz der Stadt bleiben muss.“

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