22-Stunden-Schicht für die Braunkohle

Am 25. April demonstrierten rund 15.000 Menschen in Berlin gegen die geplante Kohle-Abgabe. Vom Tagebau Garzweiler fuhren viele früh morgens mit dem Bus los, um gemeinsam für ihre Arbeitsplätze und ihre ganze Region zu kämpfen.

An diesem Samstagmorgen beginnen fast alle Schichten im Tagebau Garzweiler schon gegen vier Uhr. Auf dem Werksparkplatz in Grevenbroich wuchten Hunderte Mitarbeiter in der Dunkelheit Fahnen und Kisten mit Proviant in Busse und spülen ihre Müdigkeit mit Kaffee aus Plastikbechern runter. „Das ist keine gute Zeit“, sagt Schlosser Jürgen Küster, während er in einen der Busse steigt. Er meint nicht die Tageszeit, sondern die Wirtschaftspolitik. „Wir kämpfen heute für unseren Arbeitsplatz.“ Sein Kollege Frank Ormanns nickt: „Diesmal ist es ernst.“

Deshalb sind alle hier, Frühschicht, Spätschicht, Nachtschicht, RWE-Mitarbeiter und Angestellte von Tochterfirmen. Mit 35 Bussen machen sie sich auf den Weg. Ziel der Reise: Berlin und der mittelfristige Erhalt der Braunkohle-Kraftwerke. Zusammen mit anderen Betroffenen aus Rheinland und Ruhrgebiet sowie den Braunkohle-Revieren in Ostdeutschland wollen sie gegen die geplante Kohle-Abgabe aus dem Eckpunktepapier von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel protestieren. Denn diese Pläne bedrohen vor allem ältere Braunkohlekraftwerke und nach Hochrechnungen bis zu 100.000 Arbeitsplätze.

„Der Rhein-Kreis Neuss als eine der wirtschaftsstärksten Regionen NRWs würde ohne Braunkohle hinten über kippen“, sagt Jürgen Linges, Vorsitzender der Vertrauensleute, „oder nehmen wir Cottbus; in der Gegend haben sie praktisch nichts anderes.“ Sein Handy klingelt schon wieder. Zum dritten Mal erklärt er einem der anderen Organisatoren, dass die Busunternehmen einige Fahrzeuge an den falschen Treffpunkt geschickt haben und dass die Nummern nun nicht mehr stimmen. Dann steht er auf und verteilt Ablaufpläne. Geplante Fahrzeit sieben bis acht Stunden, Rückkehr gegen zwei Uhr in der nächsten Nacht. „Es gibt ein Lunchpaket zum Frühstück, dann Mittagessen bei der Kundgebung, und für abends bekommen wir wieder Lunchpakete.“ Für 7000 Leute hat die Kantine Tüten mit Verpflegung gepackt. Auch Details wie Butterbrot und Müsliriegel sind wichtig, wenn es heute ums große Ganze geht.

Trotz der ernsten Lage ist die Stimmung im Bus gut. Vorn döst die Spätschicht, während Ormanns und Küster von der Frühschicht mit Linges über eine wirtschaftlich und sozial verträgliche Energiewende diskutieren. Ein paar von den jüngeren Hilfsgerätefahrern hinten machen Selfies und grüßen einen Bus mit Kollegen, der ein Schild in der Scheibe hat: „Finger weg von unseren Arbeitsplätzen“. Musik dudelt aus irgendeinem Handy, und jemand überlegt scherzhaft, ob seine Solidarität bei einem Schlager von Helene Fischer nun doch ein Ende habe.

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