Schulreform: SPD findet zur Vernunft zurück

Die SPD Hamburg hat sich bei ihrem Landesparteitag mit überwältigender Mehrheit und offensichtlich erleichtert hinter die Schulreform des schwarzgrünen Senats gestellt. Gerade noch zwei Gegenstimmen gab es gegen eine Resolution, die den Dreiklang aus sechsjährige Primarschulen, Stadtteilschulen und Gymnasien eindeutig befürwortet.

Nachdem Teile der Hamburger SPD fast zwei Jahre lang massiv gegen die Schulreform opponierten, zeigt der jähe und vollkommen problemlose Kurswechsel auch, wie sehr deren bildungspolitisches Credo am Mehrheitswillen der Partei vorbeiging. Dass diese Position jetzt aufgegeben wird, ist zwar spät, aber richtig.

Wie diejenigen, die die SPD zuvor ins bildungspolitische Abseits geführt haben, persönlich damit umgehen, müssen sie selbst entscheiden. Aber wer vor neun Monaten noch mit WWL demonstriert hat, wird nicht plötzlich zum Schulreform-Freund, weil ein an dieser Stelle fragwürdiges Elternwahlrecht neu eingeführt und ein paar kleinere Korrekturen eingeführt werden, die man auch vor einem Jahr im Schulausschuss hätte verhandeln können, statt dort kategorisch mit „Nein-Nein-Nein“ gegen längeres gemeinsames Lernen aufzutreten.

Dass das Gymnasium jetzt in Gestalt der Mini-Beobachtungsstufe im Jahrgang sieben eine neue Aussiebstufe bekommt, dürfte einer der Schwachpunkte des neuen Systems sein. Nur noch ein Jahr statt zwei Jahre Zeit, die Gymnasialtauglichkeit nachzuweisen, und zugleich eine Entwertung der Prognose der Grundschullehrer, die das Kind sechs Jahre lang kennen, stellen keine Verbesserung dar. In Klassenstufe sieben mitten in der Pubertät einen Schul- und (oft genug)Systemwechsel nicht nur zu meistern, sondern ihn um die Gefahr der Abschulung auch innerhalb weniger Monate erfolgreich abschließen zu müssen, wird vielen Schülern sehr schwer fallen. Und statt in den sechs Gymnasialjahren von Klasse sieben bis 12 in Ruhe arbeiten zu können, müssen die Pädagogen die gemeinsame Zeit nun wieder mit einem Prüfungsjahr und Stress für alle Beteiligten beginnen.

Fragwürdig auch die Vorstellung, jeder Stadtteilschule eine eigene Oberstufe zu verordnen. Parteichef Scholz hat begründet, jedem Stadtteilschüler müsse das Ziel des Abiturs direkt vor Augen geführt werden. Zu erwarten ist aber wohl eher, dass an manchen Standorten jedem Stadtteilschüler das Scheitern einer Mini-Oberstufe mit völlig eingeschränkter Wahlmöglichkeit vor Augen geführt wird. Mit diesen Mini-Oberstufen schafft man dann vermutlich die klare Unterteilung zwischen dem erstklassigen Abitur (am Gymnasium) und dem zweitklassigen (an der Stadtteilschule).

Aber irgendeine gesichtswahrende Veränderung an der reform musste wohl sein, die Einführung der Primarschule innerhalb nun doch relativ kurzer Zeit und die Abschaffung des Büchergelds sind zwei Schritte, über die sich Hamburgs Eltern freuen können. Für die SPD beinhaltet der Kompromiss die Chance, ihre Kampagnefähigkeit auch zwischen offiziellen Wahlen bei der Auseinandersetzung um den Volksentscheid unter Beweis zu stellen.

2 Gedanken zu „Schulreform: SPD findet zur Vernunft zurück“

  1. Die Abschaffung des Büchergeldes und der einklagbare Rechtsanspruch auf kleine Klassen ist keine Kleinigkeit. Wenn, wie in der Vergangenheit, eine Schulreform nur ein Sparmodell ist, dann hilft auch das längste gemeinsame Lernen nichts mehr. Mindestens ebenso wichtig ist die Ausstattung der Schulen und der Schüler.
    Mit der angekündigten Abschaffung des Elternwahlrechtes, haben die Schulreformer ihre Reform an den Rande des Scheiterns manövriert.
    Wenn sich die Initiative „Wir wollen lernen“ am Ende nicht durchsetzt, bleibt doch das Verdienst die Reformer aus ihrer ideologischen und sturen Schiene geschoben zu haben.
    Mann muss erkennen, das man Politik auch an der Schule nicht gegen den Willen der Bürger durchsetzen kann. Und es blieb der SPD vorbehalten, die wichtigen sozialen Aspekte durchzusetzen.

  2. @Klaus
    Kleine Klassen sind keine Kleinigkeit, nein, nur eben auch gar nicht neu: Sie stehen schon im Schulgesetz, das die Bürgerschaft im Oktober beschlossen hat. O.k., da stehen 25 Schüler bzw. 20 für KESS-1-Gebiete, und jetzt sollen es 23 bzw. 19 sein – aber ob das so entscheidend ist?

    Die Schulreform war nie als Sparmodell geplant, sondern sie war von Anfang an eine extrem teure Angelegenheit. Das Elternwahlrecht, dass es nach Klasse sechs nie gegeben hat, konnte und wurde auch nie abgeschafft. Jetzt wird ein Chaosinstrument in Form der Zangsbewährung in Klasse sieben neu eingeführt, das noch viel Unheil bringen wird.

    Und mal abgesehen davon, dass eine Ideologie nicht grundsätzlich schlecht ist, jedenfalls allemal besser als die Beliebigkeit, nach der manche ihre politischen Entscheidungen ausrichten: Wer außer WWL und Teilen der SPD war den bisher stur?

    Peinlich ist doch vor allem, dass sich die gesamte Hamburger SPD-Führung in einer sachlich nicht zu begründenden Ablehnung verrannt hatte, die im Widerspruch zu allen sozialdemokratischen Überzeugungen und zum (in Hamburg beschlossenen!) SPD-Bundesprogramm steht, und dass es erst der (erfolgreichen) Initiative des neuen Vorsitzenden bedurfte, die Partei wieder auf den richtigen Weg zu bringen.

    Klaus, falls Du der Veddel-Klaus bist, dann mach‘ Dich schnell mit der neuen Linie Deiner Partei vertraut. Sonst verpasst Du womöglich den Anschluss!

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