Neues Förderprogramm für Schulen in sozial benachteiligten Quartieren

Die Kultusminister der Länder haben auf Initiative der Bildungssenatoren von Hamburg und Berlin beschlossen, ein gemeinsames Programm von Bund und Ländern für Schulen in benachteiligten sozialen Lagen auf den Weg zu bringen.

Hamburgs Schulsenator Ties Rabe: „In allen Bundesländern gibt es Schulen mit einem besonders hohen Anteil von Kindern aus bildungsfernen Familien, die bereits bei der Einschulung ungewöhnlich hohe Lernrückstände haben. Mit den herkömmlichen Methoden können wir diese Rückstände kaum aufholen. Hier wollen wir neue Impulse setzen.“ Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres: „Bund und Länder legen jetzt zu diesem wichtigen Thema ein gemeinsames Programm auf, das praktische Verbesserungen und zugleich wissenschaftliche Studien und Analysen beinhaltet.“

Vorbild für das neue Programm soll die gemeinsame Initiative von Bund und Ländern „Leistung macht Schule“ sein, bei dem über zehn Jahre die schulischen Entwicklungsmöglichkeiten besonders talentierter Kinder und Jugendlicher – unabhängig von Herkunft, Geschlecht und sozialem Status – im Regelunterricht gefördert werden. Diese Bund-Länder-Initiative zur Begabungsförderung, die von Hamburg initiiert und maßgeblich gestaltet worden ist, wurde Ende 2016 von der Kultusministerkonferenz und dem Bundesbildungsministerium beschlossen. In der ersten Phase (2018-2022) nehmen bundesweit 300 Schulen aus dem Primar- und Sekundarbereich an der Initiative teil, davon in Hamburg 12 Schulen im Rahmen des Modellprojekts „Begabungspiloten“. Das Programm wird über 10 Jahre mit insgesamt 125 Millionen Euro von Bund und Ländern zu gleichen Teilen finanziert. Die weitere Gestaltung des neuen Programms soll jetzt gemeinsam entwickelt werden.

Lernstandsuntersuchungen zeigen regelmäßig, dass sich der Lernstand von Kindern und Jugendlichen in einer Klassenstufe durchaus um drei Lernjahre unterscheiden kann. Insbesondere in den größeren Städten konzentrieren sich Kinder und Jugendliche mit großen Lernrückständen häufig auf wenige Schulen in so genannten benachteiligten sozialen Lagen. Ursache dieser ungleichen Verteilung der Schülerschaft sind die sehr unterschiedlichen Strukturen, Wohn- und Lebensverhältnisse sowie die sozialen Milieus in den Stadtquartieren. So liegt beispielsweise das Durchschnittseinkommen im Hamburger Stadtteil Nienstedten fünf Mal höher als im knapp acht Kilometer entfernten St. Pauli.

In allen Bundesländern haben die Kultusministerien auf diese Ungleichheit reagiert. Sehr viel Geld wird beispielsweise in die vorschulische und schulische Sprachförderung für Kinder mit verzögerter Sprachentwicklung investiert. Einzelne Länder statten Schulen in sozial benachteiligten Lagen zusätzlich mit mehr Personal aus. So organisiert Hamburg beispielsweise bei einem Drittel seiner Grundschulen kleinere Schulklassen mit nur höchstens 19 statt wie üblich höchstens 23 Schülerinnen und Schülern. Berlin hat ein Bonus-Programm zur Förderung eingeführt. In vielen Ländern gibt es besondere Förderprogramme für einzelne Schülerinnen und Schüler, zudem besondere Unterstützungen, Beratungen und Fortbildungen für die betroffenen Kollegien.

Trotz dieses Aufwandes gelingt es den Schulen nur begrenzt, den Lernrückstand benachteiligter Schülerinnen und Schüler aufzuholen. Erst vor kurzem zeigten die Lernstandsuntersuchungen der Kultusministerkonferenz, dass die Bildungserfolge von Kindern aus benachteiligten Milieus trotz großen Aufwandes hinter den Erwartungen zurückbleiben. Das Problem findet deshalb auch international zunehmend Beachtung. In vielen Staaten wurden in den letzten Jahren entsprechende Projekte aufgelegt, beispielsweise das „Pre-K-Programm“ in den USA. Dabei geht es um bessere Frühförderung in Schule und Kindertagesstätte, veränderte Unterrichtsmethodik und Unterrichtsdidaktik. Bildungssenator Ties Rabe: „Es ist von überragender Bedeutung für die Zukunft unserer Gesellschaft und die Zukunft zahlreicher Kinder, dass wir diese Aufgabe jetzt gemeinsam anpacken.“

Die Große Koalition hat deshalb bereits im Koalitionsvertrag beschlossen, dass „nach dem Vorbild der gemeinsamen Initiative von Bund und Ländern zur Förderung leistungsstarker und leistungsfähiger Schülerinnen und Schüler jetzt auch die besonderen Herausforderungen von Schulen in benachteiligten sozialen Lagen und mit besonderen Aufgaben der Integration“ aufgegriffen werden sollen. „Der Bund sorgt dabei für die Förderung der begleitenden Forschung sowie die Evaluierung der Wirksamkeit der getroffenen Maßnahmen. Die Länder sorgen für die Begleitung und Förderung der teilnehmenden Schulen.“

Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres: „Schulen in sozialen Brennpunkten müssen nicht nur größere Herausforderungen hinsichtlich der Wissensvermittlung schultern, sondern sie haben oft auch zusätzliche Aufgaben bei der Vermittlung von Werten. Die Erfahrungen zeigen, dass an diesen Schulen sehr viel hinsichtlich der Gestaltung des sozialen Miteinanders der verschiedenen Kulturen und Religionen geleistet werden muss. Häufig übernehmen die Schulen zudem Erziehungsaufgaben, die von den Eltern nicht ausreichend geleistet werden können. All dies macht eine zusätzliche Unterstützung dieser Schulen notwendig. In Berlin haben wir unter anderem sehr gute Erfahrungen mit dem Bonus-Programm gemacht. Mit diesen Mitteln können die Schulen eigenverantwortlich beispielsweise Sozialarbeiter oder Erzieher einstellen.“

Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe: „Vorbild des neuen Programms wird das bereits bestehende Programm zur Begabungsförderung sein. Die Länder wollen sich hier einbringen und Beispiele guter Praxis aufnehmen. Für Schulen mit einer hohen sozialen Belastung ist es eine besondere Herausforderung, alle Schülerinnen und Schüler individuell zu fördern und zu bestmöglichen Schulabschlüssen zu führen. Ziel muss es sein, die Bildungschancen der Schülerinnen und Schüler an Schulen in belasteten Sozialräumen zu verbessern und die Abhängigkeit des Bildungserfolgs von der sozialen Herkunft deutlich zu verringern.“

Hintergrund: Hamburger Projekt „23+ starke Schulen“

Seit Mai 2013 unterstützt die Schulbehörde elf Grundschulen, neun Stadtteilschulen und drei Gymnasien in sozial besonders benachteiligten Stadtteilen (teilnehmende Schulen: www.hamburg.de/23plus/schulen). Die Unterstützung im Rahmen des Programms „23+ starke Schulen“ umfasst unter anderem zusätzliche Lehrkräfte, Beratung und Unterstützung durch Experten und Stiftungen sowie die Aktivierung von Eltern- und Schülerschaft. Im Mittelpunkt steht die Schul- und Unterrichtsentwicklung. Die Projektschulen leisten engagierte und gute Arbeit, müssen aber besonders anspruchsvolle Aufgaben lösen und brauchen dafür zusätzlichen Rückenwind. Aufgrund der guten Erfahrungen wird das Projekt fortgesetzt und seit Mai 2017 auf über 30 Schulen ausgeweitet. Neben vielen anderen Unterstützungsmaßnahmen bekommen die teilnehmenden Schulen dafür jedes Jahr bis zu 42 zusätzliche Lehrerstellen.

Das Programm fördert zielgenau solche Schulen, deren Schülerinnen und Schüler besonders schwache Lernstände aufweisen. Dank der neu eingeführten, regelmäßigen Hamburger Lernstandsuntersuchungen (KERMIT) kann die Förderung präzise an die richtigen Schulen adressiert werden. Einige Schulen mit deutlich verbesserten Lernergebnissen konnten das Programm verlassen, umgekehrt wurden viele neue aufgenommen.

Ein Schwerpunkt des Programms liegt darin, am Nachmittag im Rahmen des Ganztags zusätzliche Lern- und Bildungsangebote zu entwickeln und umzusetzen. Ziel ist es, vier zusätzliche Stunden pro Woche für das Üben und Vertiefen vorrangig in den Kernfächern Deutsch und Mathematik zu entwickeln und zu nutzen. Die Projektschulen erarbeiten in diesem Sinne in Zusammenarbeit mit Experten Konzepte, von denen die Kinder deutlich profitieren.

Die teilnehmenden Schulen bekommen für die Erarbeitung und Umsetzung verbesserter Schul-, Unterrichts- und Lernkonzepte bis zu 20 zusätzliche Lehrerstellen. Der Unterricht, insbesondere in den Eingangsklassen 1, 5 und 6, wird mit weiteren bis zu 20 zusätzlichen Lehrerstellen gezielt verbessert. Darüber hinaus begleitet und berät ein Expertenteam die Lehrkräfte der teilnehmenden Schulen im Unterricht. Stiftungen und Träger fördern die Elternarbeit, die Schülermitwirkung und auch das soziale Miteinander in der Schule. So werden unter anderem Eltern, Schülerinnen und Schüler sowie Ehrenamtliche zu sogenannten Mentorinnen und Mentoren fortgebildet. Die Mentorinnen und Mentoren beraten und aktivieren die Schulgemeinschaft und setzen Impulse für ein gelungenes Schulleben. Die Stiftung „brotZeit“ organisiert zusammen mit einzelnen Schulen ein kostenloses pädagogisches Frühstück vor Unterrichtsbeginn. Den Schulleitungsteams bietet die Behörde zudem ein umfangreiches Beratungs- und Fortbildungsangebot mit Hospitationen, didaktischen Trainings, Seminaren und schulübergreifenden Workshops als Impulse für individuelle Entwicklungsarbeit im Rahmen des Netzwerks.

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