Heute vor 100 Jahren: „Ich erteile das Wort der Frau Abgeordneten Juchacz“

Elf Sitzungstage hatte es nach der Wahl am 19. Januar 1919 gedauert, bis Constantin Fehrenbach mit diesen unspektakulären Worten eine Zeitenwende ankündigte. Fehrenbach war Präsident der Nationalversammlung und Marie Juchacz war die erste Frau, die in einem deutschen Parlament eine Rede hielt. Das Parlament schaute mit Spannung auf die SPD-Politikerin.

Diese war als Maria Gohlke in der Provinz Posen geboren worden, besuchte dort die Volksschule und arbeitete dann als Dienstmädchen, Fabrikarbeiterin, Wärterin in der „Provinz-Landes-Irrenanstalt“ und später in der Werkstatt des Schneidermeisters Bernhard Juchacz, ihres späteren Ehemannes. Die beiden bekamen zwei Kinder, die Ehe scheiterte und wurde geschieden. Marie ging als Alleinerziehende mit zwei kleinen Kindern nach Berlin und trat in die SPD ein. Hier wurde sie schließlich „Leiterin des Frauensekretariats“. Bei der Wahl 1919 wurde sie als eine von 37 Frauen (8,7% aller Abgeordneten) für den Wahlkreis „Potsdam I“ ins Parlament gewählt.

Für die im bisher rein männlichen Parlament ungewohnte Anrede „Meine Herren und Damen!“ wurde sie mit Gelächter konfrontiert. Sie ließ sich davon nicht irritieren, fuhr unbeeindruckt fort und stellte klar, wie sie die Einführung des Frauenwahlrechts beurteilte.

„Ich möchte hier feststellen (…): Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist. (…) Und ich betrachte es als eine Selbstverständlichkeit, dass (…) die Frau als gleichberechtigte und freie Staatsbürgerin neben dem Manne stehen wird.“ Marie Juchacz

Und:

„Unsere Pflicht aber ist es, hier auszusprechen, was für immer in den Annalen der Geschichte festgehalten werden wird, dass es die erste sozialdemokratische Regierung gewesen ist, die ein Ende gemacht hat mit der politischen Unmündigkeit der deutschen Frau. Durch die politische Gleichstellung ist nun meinem Geschlecht die Möglichkeit gegeben zur vollen Entfaltung seiner Kräfte. Mit Recht wird man erste jetzt von einem neuen Deutschland sprechen können und von der Souveränität des ganzen Volkes.“ Marie Juchacz

Außerdem ging sie in ihrer Rede auf die kommenden Aufgaben der Politiker*innen, die soziale Lage sowie auf Kritik an der neuen Regierung ein.

Als Abgeordnete widmete sie sich hauptsächlich der Sozialpolitik und setzte sich vor allem für die Kinder- und Jugendgesetzgebung, fortschrittliche Wohlfahrtsgesetze und Frauenrechte ein. Sie kann also als Vorkämpferin für viele Themen verstanden werden, die die EVG auch heute noch bewegen. 

Im Dezember 1919 gründete sie den „Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt“ (AWO) deren Vorsitzende sie bis 1933 bleibt. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialist*innen löste sich die AWO auf und Marie Juchacz emigrierte über mehrere Zwischenstationen nach New York. Dort gründete sie die „Arbeiterwohlfahrt USA – Hilfe für die Opfer des Nationalsozialismus“, die nach dem zweiten Weltkrieg vor allem durch Care-Pakete an Notleidende in Deutschland bekannt wurde.

1949 kehrte sie nach Deutschland zurück und wurde Ehrenvorsitzende der wiedergegründeten AWO. Am 28. Januar 1956 starb sie im Alter von 76 Jahren.

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