Der Spielstand: WDR – NDR 6:0

Ob den Programmchefs des NDR das ein wenig peinlich ist? Eine hochwertige, fünfteilige Hörfunkreihe zu den Protestbewegungen der Gegenwart, die in enger Zusammenarbeit mit dem Hamburger Institut für Sozialforschung entstanden ist, startet jetzt ihre sechste Staffel. Und wo? Im WDR.

Geschichte – mal ganz anders. Nicht um Aufstieg und Fall der Mächtigen geht es diesmal, nicht um staatstragende Institutionen. Die WDR 5-Sendung Tiefenblick (Sonntag, 7.30-8.00 Uhr) widmet sich dem, was in der Geschichtsschreibung oft unter den Tisch fällt – den Protestbewegungen der Gegenwart. Vom Stuttgarter Wutbürger bis zum flashmob: In fünf Folgen bringt „Tiefenblick“ akustisches Material aller Art zu Gehör, das dokumentiert, wo und wie sich in jüngster Zeit Protest formiert hat. Im linken, aber auch im rechten politischen Lager, am Rande der Gesellschaft oder in ihrer Mitte. Deutsche Zeitgeschichte, erzählt mit den Mitteln des Hörfunks: Hörfunkarchive und das Internet sind die Quellen, aus denen die Autoren Herbert Hoven und Wolfgang Kraushaar bei der Ausleuchtung der zeitgenössischen Protestkultur schöpfen. Attac, Rebel Clowns und andere Globalisierungsgegner stehen im Mittelpunkt der ersten Folge, um Gegner des Projektes „Stuttgart 21“ und ihre Widerstandsformen dreht es sich im Anschluss. Und die Themen der weiteren Tiefblick-Folgen: die neue Friedens- und Anti-Atomkraftbewegung sowie Protestformen, die erst das Internet möglich gemacht hat: flashmobs, carrotmobs & Co. Abgeschlossen wird die Reihe durch einen Ausblick auf Widerstandsformen, die vielleicht schon dieses Jahr verstärkt Bewegung in unsere Gesellschaft bringen.

Die Sendereihe ist in enger Zusammenarbeit mit dem Hamburger Institut für Sozialforschung entstanden. Im Jahre 2007 war die erste Staffel zu hören, in den Folgejahren hat sie sukzessive verdichtete Hörbilder von verschiedenen Protestbewegungen im Nachkriegsdeutschland geliefert – von den 1950er Jahren bis heute. Dieses Jahr wird die sechste Staffel dieses einmaligen akustischen Opus Magnum gesendet. Vom 5. Februar bis 4. März, immer sonntags von 7.30 Uhr bis 8.00 Uhr (Wiederholung: 22.05 Uhr bis 22.30 Uhr). Natürlich beim Wortprogramm WDR 5.

Für Nordlichter ist die Sendereihe auch im Internet zu empfangen:
www.wdr5.de

Die Sendung im Einzelnen:

WDR 5, Sonntag, 5. Februar 2012, 7.30 – 8.00 Uhr
WDR 5, Sonntag, 5. Februar 2012, 22.05 – 22.35 Uhr
Tiefenblick
Protest in bewegten Zeiten – Ein neues Jahrhundert
Attac, Rebel Clowns und andere Globalisierungsgegner (1/5)
Von Herbert Hoven und Wolfgang Kraushaar
Schon im Vorfeld des G 8-Gipfels von Heiligendamm rufen
globalisierungskritische Organisationen zu Protesten auf. Der Aufforderung
von Attac, Gewerkschaften, evangelischer und katholischer Kirche folgen am
2. Juni 2007 mehr als 50.000 Menschen. Bis zur Abschlusskundgebung im
Rostocker Stadthafen bleibt alles friedlich. Dann mischen etwa 2.000
Autonome des Schwarzen Blocks die Demonstration auf und liefern sich
erbitterte Straßenschlachten mit der Polizei.
Zur Protestkultur im neuen Jahrhundert zählen auch die Rebel Clowns. Mutig
marschieren sie zwischen Polizei und Demonstranten hindurch, um den
Konflikt zwischen Ordnungskräften und Protestierenden zu entschärfen.
Äußeres Zeichen dieser Spaß-Guerilla ist die rote Nase.

WDR 5, Sonntag, 12. Februar 2012, 7.30 – 8.00 Uhr
WDR 5, Sonntag, 12. Februar 2012, 22.05 – 22.35 Uhr
Tiefenblick
Protest in bewegten Zeiten – Ein neues Jahrhundert
Bürgerprotest (2/5)
Von Herbert Hoven und Wolfgang Kraushaar
Noch vor einiger Zeit wäre einem Journalisten der Gedanke, über
Großdemonstrationen in Stuttgart zu berichten, ziemlich utopisch
erschienen. Denn es gibt kaum eine andere deutsche Großstadt, die in
wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht so saturiert ist. Doch vor allem die
Demonstrationen gegen das Bahnprojekt „Stuttgart 21“, mit zuweilen
100.000 Demonstranten, ist zum Symbol bürgerlichen Protestes geworden.
Landauf, landab geht es gegen eine Politik, die die Menschen immer mehr
von Entscheidungen ausschließt. Die Qualität des Bürgerprotestes
beschränkt sich nicht nur auf Demonstrationen und Kundgebungen, ihre
Qualität besteht auch darin, Politik und Verwaltung mit den Mitteln des
Rechtsstaates in die Schranken zu weisen.

WDR 5, Sonntag, 19. Februar 2012, 7.30 – 8.00 Uhr
WDR 5, Sonntag, 19. Februar 2012, 22.05 – 22.35 Uhr
Tiefenblick
Protest in bewegten Zeiten – Ein neues Jahrhundert
Die neue Friedensbewegung (3/5)
Von Herbert Hoven und Wolfgang Kraushaar
Die Friedensbewegung hat sich im Jahr 2003 eindrucksvoll zurückgemeldet
und alles in den Schatten gestellt, was sie in den Jahrzehnten zuvor an
Zeichen gesetzt hat. Am 5. Februar demonstrieren in Berlin 500.000
Menschen gegen den sich abzeichnenden Irak-Krieg. Auffällig ist, dass sich
an Kundgebungen, Mahnwachen und Protestmärschen viel mehr junge
Menschen beteiligen als noch in den 1980er Jahren gegen den NATO-
Doppelbeschluss. Auch die Anti-Atom-Bewegung hat am Beginn des neuen
Jahrhunderts nichts von ihrer Dynamik verloren. Denn mit dem von der
Bundesregierung im Juni 2011 beschlossenen früheren Ausstieg aus der
Kernenergie hat sich das Problem mit dem strahlenden Atommüll längst
nicht erledigt.

WDR 5, Sonntag, 26. Februar 2012, 7.30 – 8.00 Uhr
WDR 5, Sonntag, 26. Februar 2012, 22.05 – 22.35 Uhr
Tiefenblick
Protest in bewegten Zeiten – Ein neues Jahrhundert
Flashmobs, Carrotmobs und Whistleblower (4/5)
Von Herbert Hoven und Wolfgang Kraushaar
Was soll man davon halten, wenn sich 2.000 junge Menschen spontan zu
einer Wasserschlacht auf der Kölner Domplatte verabreden, um nach 15
Minuten genauso schnell wieder zu verschwinden, wie sie gekommen sind?
Zwar sind Flashmobs ursprünglich unpolitisch, aber inzwischen längst eine
probate und erprobte Protestform im Arbeitskampf wie auch bei politischen
Aktionen. Twitter, Facebook, SMS oder Ketten-E-mails machen es möglich.
Ohne die neuen Medien wäre auch WikiLeaks nicht möglich. Wenn die
Internetplattform Planungsdokumente zur Katastrophe um die Loveparade
ins Netz stellt, ist die Zustimmung groß. Ein diplomatisches Erdbeben setzte
allerdings ein, als eine viertel Million Depeschen aus dem diplomatischen
Dienst der USA unkontrolliert der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden.
Was WikiLeaks als „Bürgerservice“ versteht, wird von anderen als verantwortungslos kritisiert, weil die Folgen solch ungehemmtenDatenflusses nicht abzusehen seien.

WDR 5, Sonntag, 4. März 2012, 7.30 – 8.00 Uhr
WDR 5, Sonntag, 4. März 2012, 22.05 – 22.35 Uhr
Tiefenblick
Protest in bewegten Zeiten – Ein neues Jahrhundert
Occupy, Generation Fukushima und wie weiter? (5/5)
Von Herbert Hoven und Wolfgang Kraushaar
Politologen, Historiker und Soziologen gehen davon aus, dass die Proteste
im neuen Jahrhundert von der jungen Generation getragen werden und an
Wucht zunehmen werden. Was mit dem arabischen Frühling begann, setzte
sich im Frühsommer 2011 mit den sozialen Protesten in Madrid, Athen, Tel
Aviv und anderen Städten fort und erreichte am 15. Oktober mit den
Protesten gegen die Machenschaften des internationalen Finanzsystem
einen weltweiten Höhepunkt. Occupy-Wall Street, Occupy Frankfurt oder
Occupy Rom sind zum Symbol geworden. Viele Prognosen gehen davon aus,
dass 2012 das Jahr eines weltweiten Protestes wird. Die Gründe liegen in
der immer stärkeren Kluft zwischen arm und reich, auch in den
Industrieländern und in dem starken Engagement junger Menschen für die
Umwelt.

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